Diener wollte seinen Augen nicht trauen, als er es las. Er wurde aufgefordert, mehrere Tausend Euro Schadenersatz zu leisten. Angeblich habe er Gerichtskosten für die Stadt in vierstelliger Höhe zu verantworten. Auch Carsten Kupsch, Vorsitzender der Welzower Stadtverordnetenversammlung, versüßte der Bürgermeister Weihnachten mit einer Schadensersatzforderung. Reiner Jestel rechtfertigt solches Handeln in den beiden jüngsten Ausgaben des Amtsblatts "Welzower Bote". Dort präsentiert er sich als Rächer erlittenen Unrechts und knallharter Haushaltssanierer, der wieder gutmachen muss, was verschwenderische Stadtverordnete angerichtet haben. Von "der gegnerischen Seite" ist da die Rede, die sich "haltloser Argumente zur Beseitigung des Bürgermeisters bedient" und dabei das Stadtsäckel geplündert habe. 53 000 Euro Gerichtskosten Mit "Beseitigung" meint Jestel vermutlich seine Entlassung wegen dauernder Dienstunfähigkeit und die Rücknahme seiner Ernennung zum Bürgermeister wegen arglistiger Täuschung über seine Stasi-Vergangenheit und seine gesundheitlichen Probleme. Jestel hat erfolgreich gegen beide Beschlüsse geklagt. Dadurch sind Gerichtskosten in Höhe von fast 53 000 Euro aufgelaufen. Für beides, seinen Rausschmiss und die entstandenen Kosten, macht Jestel "gewisse Stadtverordnete" verantwortlich, eben Carsten Kupsch und Joachim Diener. Doch nicht nur in der Stadtverordnetenversammlung, sondern auch in der Stadtverwaltung sieht sich Jestel offenbar von Gegnern verfolgt. Als der gekündigte Bürgermeister durch einen Beschluss des Verwaltungsgerichts Ende 2008 ins Rathaus zurückkehren durfte, holte er sich eine neue Sekretärin ins Rathaus. Die Vorgängerin musste eine weniger qualifizierte Arbeit erledigen. Hauptamtsleiter Detlef Pusch entließ Jestel sogar ohne Angabe von Gründen. Pusch hatte Jestel eineinhalb Jahre als Bürgermeister vertreten. Jestel handelte damit gegen den Willen der meisten Welzower Stadtverordneten. Sie beschlossen im Dezember mehrheitlich Puschs Rückkehr. Doch Jestel beanstandete den Beschluss und blockiert so bis heute die Rückkehr des Hauptamtsleiters. Nicht jeder in Welzow glaubt Jestel die plötzliche Wandlung vom lethargischen Bürgermeister mit verschwiegener Stasi-Vergangenheit zum hart durchgreifenden Bürger-Dienstleister, als der er sich im Amtsblatt gibt. Die SPD-Stadtverordnete Birgit Zuchold fordert Jestel in einem offenen Brief auf, endlich die Gründe zu akzeptieren, die letztendlich zum Bürgerbegehren für seine Abwahl geführt haben. Es handle sich nicht um die privaten Interessen Einzelner, die es auf den Bürgermeister abgesehen hätten, wie von Jestel hartnäckig unterstellt. Vielmehr seien "die Abgeordneten und eine nicht geringe Zahl Welzower Bürger mit der Arbeit und den sonstigen personellen Voraussetzungen des Bürgermeisters höchst unzufrieden". Als Beispiel führt die Abgeordnete ihre Nachfrage zum Sanierungsstand eines Gebäudes an, die der Bürgermeister selbst nach vier Wochen noch nicht beantworten konnte. Polemik statt Perspektiven Weiteres Beispiel seien die angriffslustigen Verlautbarungen im Amtsblatt, so Birgit Zuchold weiter. Von einem Bürgermeister erwarte sie anderes darin zu lesen, gerade zum Jahreswechsel. So habe Jestel nicht eines der vielen Projekte genannt, die Welzow 2008 ohne sein Zutun zum Positiven verändert haben. Zukunftsperspektiven für die Stadt - ebenfalls Fehlanzeige. Stattdessen argumentiere Jestel im Welzower Boten polemisch, wer angeblich welche Kosten für die Stadt verursacht habe. Nicht nur bei der SPD-Stadtverordneten kamen Jestels Bürgermeister-Information im Amtsblatt nicht gut an. "Nach fünf verschlafenen Jahren besinnt sich Jestel jetzt auf seine Wahlversprechen von 2003", schreibt Klaus Thomas der RUNDSCHAU. Wie Jestel sich jahrelang weigerte, ein Personalentwicklungskonzept zu erarbeiten, "grenzte an Arbeitsverweigerung", so Thomas. Auch Hardi Stange, in Welzow Vorsitzender des Heimatvereins und des Vereins für Verkehrserziehung, haben die Bürgermeister-Informationen Jestels im Amtsblatt an dessen Wahlversprechen 2003 erinnert. Keines, schreibt Stange der RUNDSCHAU, habe Jestel gehalten. Die Stadt sei heute noch höher verschuldet als bei Jestels Amtsantritt, es liege noch immer kein Personalentwicklungskonzept vor und der Vertrag zwischen Vattenfall und der Tagebaurandgemeinde sei erst in Abwesenheit Jestels zustande gekommen, als Detlef Pusch die Geschäfte führte. Die von Jestel versprochene weiterführende Schule gebe es ebenfalls nicht. Jestels Verbundenheit mit der Stadt zeigte sich für Stange bei der 725-Jahr-Feier Welzows 2005: Vereine und Betriebe hatten in der Schule die größte Ausstellung organisiert, die es je in Welzow gab. Wer zur Eröffnung nicht erschien, war der Bürgermeister. Stange erinnert sich an Jestels Erklärung dafür: "Er sagte: Ich habe verschlafen. Er hat auch die Ausstellung während der gesamten Zeit nicht besucht."