Kulke arbeitet nicht in Jerusalem, er arbeitet im sächsischen Görlitz unweit der Grenze zu Polen. Das Heilige Grab ist eine Nachahmung, erbaut im 15. Jahrhundert. Ein flacher Bau mit Rundbögen und einem Säulenaufsatz, den eine kleine Kuppel krönt. Eingebettet ist er in ein Landschaftsgärtchen. Darin sind Stationen der Leidensgeschichte Jesu dargestellt: Ölberg, Golgatha, das Tal des Baches Kidron. Ein Faltblatt für Besucher vermerkt, hier sei der Platz, um der "hastigen Lebensleere" zu entfliehen. 1994 verlor Kulke seine Arbeit als Müller, weil sein Betrieb Pleite ging. Nun hat er hier eine neue Aufgabe gefunden. Mit Touristen wandelt er entlang der fiktiven Via Dolorosa, die an der nahe gelegenen Peterskirche beginnt. Der Mann redet viel und schnell - von der historischen Bedeutung dieses Ortes und seiner erfüllenden Tätigkeit.
Die Nachbildung des Heiligen Grabes wurde zu einer Zeit errichtet, als es Görlitz noch gut ging - eine florierende Stadt am Schnittpunkt zweier Handelswege. Die Fassaden - Renaissance, Barock, Gotik, Gründerzeit - zeugen von einer wohlhabenden Vergangenheit. Die Stadt wuchs über Jahrhunderte. Zu DDR-Zeiten zählte sie zuletzt etwa 80 000 Einwohner.
Dann kam die Wende. Die Braunkohleförderung brach zusammen. Marode Unternehmen der Elektroindustrie und des Maschinenbaus mussten aufgegeben werden. Die Menschen begannen, Görlitz zu verlassen. Gut 20 000 Menschen sind in den vergangenen Jahren weggezogen, vor allem die Jungen sehen hier keine Zukunft mehr. Selbst große Unternehmen wie Bombardier oder Siemens, die sich inzwischen niedergelassen haben, können die Lücken nicht schließen.

Investoren warten
25 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind beschäftigungslos. Noch einmal so viele sind von Beschäftigungsprogrammen abhängig - so wie Kulke. Der Hüter des Heiligen Grabes hat einen 20-jährigen Sohn. Der will demnächst wegziehen - er sucht einen Job in der Medienbranche.
"Mit der EU-Osterweiterung in zwei Jahren wird hier vielleicht alles besser", hofft Kulke. Dann werden die beiden Hälften der geteilten Stadt an der Neiße wieder ein Stück näher zusammenrücken. Seit 1945 gibt es das deutsche Görlitz und - jenseits des Flusses, der von den Alliierten festgelegten Grenzlinie - das polnische Zgorzelec.
Nach der Sprachregelung der Kommunalpolitiker wird der Beitritt Polens zur Europäischen Union Görlitz aus seiner äußersten Randlage "wieder in die Mitte Europas rücken". "Die Investoren klopfen schon an", sagt Bürgermeister Rolf Karbaum. Das Stadtoberhaupt im dunkelblauen Anzug strahlt Optimismus aus. Genau vor seinem Rathaus verlaufe die Via Regia, eine alte Handels- und Wallfahrtsroute, auf der einst Gläubige von Kiew in der Ukraine bis ins spanische Santiago de Compostela pilgerten. Die Görlitzer Honoratioren bemühen die Geschichte, um Zuversicht zu verbreiten.

Auf Partnersuche
Nüchterner betrachtet Clark Robbins die Zukunft: Der 64-jährige Amerikaner betreibt in Görlitz eine Druckerei. Bei Maxroi Graphics GmbH werden Verpackungen bedruckt und Broschüren für den Fremdenverkehr hergestellt. "Man muss die Wirklichkeit erkennen", sagt Robbins, ein hagerer, fast asketisch wirkender Mann von zurückhaltender Höflichkeit. "Ich erwarte nicht viel von der EU-Osterweiterung." Warum, fragt er, sollten Unternehmen nach der Grenzöffnung in zwei Jahren nicht im polnischen Breslau investieren, sondern ausgerechnet in Görlitz?
Robbins beschäftigt 36 Mitarbeiter. Wenn er die Produktionshalle seines Unternehmens inspiziert, begrüßt er jeden von ihnen mit Handschlag. Die EU-Erweiterung werde seine Geschäftsbeziehungen erleichtern - der Wohlstand in Görlitz werde aber noch lange auf sich warten lassen. Der Amerikaner hat seine Druckerei vor zehn Jahren von der Treuhand gekauft. Müsste er die Entscheidung heute wieder treffen, würde er überlegen, seine Firma in Polen aufzubauen.
Nun aber sitzt Robbins in Görlitz. Sein unternehmerischer Aktionsradius, klagt er, betrage derzeit nur 180 Grad. Deshalb sucht er in Polen Geschäftspartner. Zum einen sind dort Beschäftigte, die Handarbeit verrichten, weitaus günstiger. Zum anderen könne er Druckqualität anbieten, die es in Polen nicht gibt. "Wir wollen einfach ein bisschen auf dem polnischen Markt mitmischen", sagt er.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite von Robbins Druckerei drückt der Pole Marek Lewicz die Schulbank. Jeden Morgen passiert der 17-Jährige mit seinen Schulbüchern den Grenzposten, um auf der deutschen Seite in das Gymnasium Annenschule zu gehen. Dort besucht er die elfte Klasse. Ein ehrgeiziger Schüler sei er, der Marek, sagt Schulleiter Andreas Kämpe (42). Marek will nach dem Abitur in Deutschland studieren, wahrscheinlich in Dresden. Deutsch hat Marek in einer polnischen Grundschule gelernt. Anschließend hat der Junge mit den schwarzen Haaren vor allem beim Fernsehen seine Deutsch-Kenntnisse vertieft. Seit drei Jahren besucht er die "binational" ausgerichtete Klasse der Annenschule. "Ich habe gute Freunde auf der deutschen Seite", sagt Marek.
"Zwischen den Jungen stimmt das Verhältnis", sagt Mareks Klassenkamerad Stefan Krause (16). "Nur bei den älteren Menschen gibt es noch Vorbehalte, die aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges stammen." Die EU-Osterweiterung werde helfen, Vorurteile abzubauen. In der Annenschule kommen sich Jugendliche aus Görlitz und Zgorzelec näher - im Alltag vieler Stadtbewohner erschöpfen sich die deutsch-polnischen Beziehungen dagegen im kleinen Grenzverkehr: Raucher aus Görlitz gehen rasch über den Grenzübergang an der Stadtbrücke und kaufen Billigzigaretten. Einige Meter vom Grenzposten entfernt haben fliegende Händler ihre Stände aufgebaut. Die Zigarettenstangen stapeln sich meterhoch. Die Polen wiederum strömen täglich zu Hunderten in das gewaltige Jugendstil-Gebäude der Görlitzer Karstadt-Filiale. "Serdeznie Witamy - H erzlich Willkommen" grüßt ein Schild über dem Eingang.
Die Fassade des Jugendstilbaus reiht sich in eine Ansammlung prächtig sanierter Gebäude ein. Görlitz ist ein Mekka für Denkmal-Schützer. Seit der Wende bringen sie den herrschaftlichen Glanz in Häuserreihen zurück, die sich zu DDR-Zeiten in sozialistischem Einheitsgrau präsentierten. "Die bürgerliche Architektur passte nicht ins ideologische Konzept der Herrschenden", sagt Markus Kepstein. Der 29-Jährige ist Zimmermann und im Görlitzer Zentrum für Denkmalschutz beschäftigt.

Kein Geld für Werbekampagne
"Nach der Wende brachte die Stadt ihr Sanierungsprogramm auf den Weg, anschließend steckten auch Immobilienunternehmen ihr Geld in die Görlitzer Häuser", sagt Kepstein. Die Immobi- lien-Firmen haben sich längst wieder zurückgezogen. Tausende Wohnungen stehen leer, allein in der historischen Altstadt sind es Hunderte.
Bund, Land und Stadt fördern die Sanierung der Häuser mit etwa fünf Millionen Euro im Jahr. Hinzu kommen private Spenden: So überweist ein anonymer Mäzen jährlich eine halbe Million Euro auf das Konto einer eigens eingerichteten Stiftung.
Die mit Millionen-Summen herausgeputzte Altstadt soll Touristen nach Görlitz locken. Tatsächlich steigen seit einigen Jahren die Besucherzahlen. Im vergangenen Jahr zählten die Hotels und Pensionen rund 150 000 Übernachtungen. Dennoch sei die Stadt noch nicht bekannt genug, klagt der Geschäftsführer der örtlichen Tourismus- agentur, Matthias Schneider. "Viele glauben, Görlitz liegt in Polen." Leider lasse die leere Haushaltskasse derzeit keine große Reklamekampagne zu.
Immerhin, eine Görlitzer Sehenswürdigkeit ist auch außerhalb der Region ein Begriff: Unlängst besuchten 600 Angehörige des Ordens der Ritter vom Heiligen Grab die Görlitzer Kopie. Kulke, der ABM-ler, war begeistert. "Dieses Ereignis war für mich wunderbar", sagt er, und seine Augen leuchten fast verklärt.