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| 10:49 Uhr

Glaswerk Haidemühl – Betriebsgeschichte mit weißen Flecken

Das alte Glaswerk Haidemühl soll dem anrückenden Tagebau Welzow weichen.
Das alte Glaswerk Haidemühl soll dem anrückenden Tagebau Welzow weichen. FOTO: Foto: Archiv/privat
Bis Ende 2006 werden die Einwohner von Haidemühl umgesiedelt. Sie müssen ihren Ort vor dem anrückenden Tagebau Welzow verlassen. Der wird nicht nur die Wohnhäuser von Haidemühl schlucken, sondern auch das alte Glaswerk im Ort. Für diesen Betrieb haben Nachkommen des früheren Besitzers Adolf Schiller einen Rückübertragungsantrag gestellt. Schiller war Jude und starb 1943 im Ghetto Theresienstadt. Von Simone Wendler

Johannes Heisler weiß über Haidemühl bestens Bescheid. Der80-Jährige gilt als Ortschronist mit besten Kenntnissen über dieGeschichte der Gemeinde und des Glaswerkes, die jahrzehntelanguntrennbar miteinander verbunden waren.
Über Adolf Schiller weiß Johannes Heisler jedoch kaum etwas.Heisler war im Oktober 1945 als Neulehrer aus Berlin nachHaidemühl gekommen. Auf einem Dachboden fand er eine alte Chronikdes Ortes, die er aufhob.
"Die Seiten über die Nazizeit waren da aber schon rausgerissen",erinnert sich Heisler. Später fand er dann nur noch wenigeDokumente, die einen Hinweis darauf gaben, dass die Glashütte1933/34 plötzlich den Besitzer wechselte. Der jüdische EigentümerAdolf Schiller verschwand.
Neue Inhaberwurden Rudolf Bricke und Reinhold Domaschke, zwei leitendeAngestellte der Firma. Bricke starb 1938. Unter sowjetischerBesatzung wurde Domaschke nach dem Krieg enteignet, das Werk undder dazu gehörige Grundbesitz wurden Volkseigentum.
Schon 1991 stellten Nachkommen von Adolf Schiller einenRückübertragungsantrag für sein früheres Vermögen: das Glaswerkin Haidemühl, Grundbesitz in Proschim, Reuthen, Döbern undFriedrichshain, Kunstsammlung und Wohnungseinrichtung.
Die Erbengemeinschaft lebt nach RUNDSCHAU-Recherchen über dieganze Welt verstreut. Ein Anwalt vertritt sie in Deutschland. DieNachkommen von Adolf Schiller müssen nicht nur ihreErbberechtigung nachweisen, sondern auch glaubhaft machen, dassSchiller sich nach der Machtergreifung der Nazis nicht freiwilligvom Haidemühler Glaswerk trennte.
Die Ämter zur Regelung offener Vermögensfragen haben zahlreichederartige Verfahren zu bearbeiten. Mehr als 2600 Fälle wurden inBrandenburg schon entschieden, fast 3400 waren es in Sachsen.Hunderte Anträge liegen jedoch noch vor. Die Fälle, in denenjüdische Mitbürger, nach Erlass der Nürnberger Rassengesetze imSeptember 1935 ihr Eigentum verloren, gelten pauschal alsRassenverfolgung. Wenn der Eigentümerwechsel jedoch schon vorhererfolgte, wie im Fall Schiller in Haidemühl, muss geprüft werden,ob der Verkauf freiwillig erfolgte oder bereits unterVerfolgungsdruck. Das ist oft langwierig und schwierig, vor allemdann, wenn kaum noch Dokumente vorhanden sind.
Auch im Fall Schiller dauert diese Prüfung nach Angaben desLandesamtes zur Regelung offener Vermögensfragen noch an. DirekteZeitzeugen der damaligen Ereignisse gibt es nicht mehr. MargotGericke, die heute in Berlin lebt, war als Kind oft in Haidemühlbei ihrer Tante und ihrem Onkel, dem damaligen Hüttenmeister inHaidemühl zu Besuch.
1933 war Margot Gericke zehn Jahre alt. Sie erinnert sich nochdaran, dass Adolf Schiller ihrer Mutter eine Arbeitsstelle inBerlin vermittelte. "Von ihr weiß ich auch, dass die FamilieSchiller zum Schluss in Berlin in einem Keller hausen musste",sagt Margot Gericke. Als ihre Mutter die Familie dort besuchenwollte, sei der Keller eines Tages leer gewesen.
Johannes Heisler, der Orts-Chronist von Haidemühl, hat bei seinenNachforschungen die Kopie einer Festschrift des Glaswerkes ausdem Jahr 1944 gefunden. Verfasser: Reinhold Domaschke, einer derbeiden Männer, an die Adolf Schiller das Glaswerk verkauft hatte.Dort heißt es ganz offen, dass Schiller verkaufen musste weil ernicht arisch war.
Nach 1989 wurde das Haidemühler Glaswerk, noch bevor die Erbenvon Adolf Schiller einen Rückübertragungsantrag stellen konnten,privatisiert. Zwei Jahre später meldete die neue GmbH schonInsolvenz an. Ein neuer Investor wollte Mitte der 90er-Jahre eineGlasrecyclinganlage bauen. Auch daraus wurde nichts. Auf demGelände blieben Berge von Glasbruch zurück. Seitdem verfällt dasWerk.
Beim Bergbauunternehmen Vattenfall Europe Mining AG hat man 1999die Bemühungen eingestellt, herauszufinden, wer jetzt eigentlichEigentümer des Glaswerkes ist.
"Der letzte Kaufvertrag mit der Treuhand für das Glaswerk seischwebend unwirksam, der Rückübertragungsantrag derSchiller-Erben offen", erläuert Detlev Mundt von der AbteilungGrunderwerb bei Vattenfall.
Da es bei der Abbaggerung des Glaswerkes nicht mehr um einenUmzug, sondern nur noch um eine Entschädigung geht, hat sich dasBergbauunternehmen entschlossen, abzuwarten, bis feststeht, werAnsprechpartner für die Entschädigungsverhandlungen ist. "Wirhoffen nun, dass das geklärt ist, bis der Bagger kommt", sagtDetlev Mundt.