Auf einem niedrigen weißen Sofa lümmelt sich an diesem schwülheißen Sommerabend ein junger Golf-Araber mit langer Lockenpracht und schwarzem Drei-Tage-Bart mit zwei Freundinnen, während am kreisrunden Tresen ein britischer Immobilien-Investor an seiner "Bloody Mary" nippt. Der Geschäftsreisende aus London blickt von seinem Barhocker, der im 44. Stockwerk eines Luxushotels steht, gedankenverloren in die Ferne, auf die künstliche Insel in Palmenform, auf der die Lichter der Straßenlaternen und Häuser glitzern. Er ist geschafft von einem langen Tag voller Verhandlungen.

Dubai ist für die Menschen, die hier arbeiten, eine anstrengende Stadt. Entspannung finden vor allem die Urlauber, die in den edel eingerichteten Restaurants sitzen, sich eine Thai-Massage verabreichen lassen oder im klimatisierten Geländewagen über die Dünen jagen. Als Dauerwohnsitz ist die Tourismus- und Handelsmetropole am Golf dagegen ein Dorado für all diejenigen, die den Luxus und das Leben auf der Überholspur lieben. Höher, schneller, weiter, luxuriöser, verrückter - eine Stadt spurtet von einem Superlativ zum nächsten. Innerhalb von fünf Jahren sind in Dubai mehr Wolkenkratzer in den Himmel gewachsen als in Frankfurt am Main in den vergangenen 20 Jahren. Das höchste Haus der Welt steht hier und lässt selbst die 30 oder 40 Stockwerke hohen Gebäude in direkter Nachbarschaft zwergenhaft aussehen.

Einer, der das Tempo dieser Stadt liebt, ist der Investmentbanker Albert Momdjian. Der gebürtige Libanese, dessen Heimat seit mehr als drei Jahrzehnten von Krieg zu Krise taumelt, hat zuletzt in Paris und London gelebt. Er schätzt an Dubai vor allem, "dass es keine Politik gibt, niedrige Steuern, Sicherheit und jede Menge Energie". Hier lautet das Motto, "Denke im großen Maßstab - Du kannst es schaffen", schwärmt er, während er in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels im Eiltempo einen Erdbeersaft trinkt.

Groß sind die Träume vieler Menschen die nach Dubai kommen - wenn man einmal absieht vom Heer der ungelernten Arbeiter aus Indien, Pakistan, Bangladesch und anderen asiatischen Staaten, die für rund 700 Dirham (130 Euro) im Monat oft nur der blanke Kampf ums Überleben in das arabische Emirat treibt. "Diese Menschen kommen nicht hierher, um zu sparen, sondern um den Hunger in ihrem Bauch zu bekämpfen, und ihre Familien daheim zu ernähren", erzählt ein Inder, der in Dubai geboren ist und als Angestellter für eine Behörde im Stadtzentrum arbeitet.

In Dubai, das einen Ausländeranteil von rund 90 Prozent hat, wohnt der schwedische Zahnarzt neben dem amerikanischen Schönheitschirurgen, der eine Putzfrau von den Philippinen beschäftigt und einen Gärtner aus Pakistan bezahlt. Die Einheimischen in ihrer traditionellen arabischen Tracht sind nur mehr schwarz-weiße Tupfer im bunten Stadtbild ihrer Heimatstadt. Unter den Deutschen, die ein Standbein in Dubai haben, sind, glaubt man den Finanzjongleuren in den grauen Türmen des Dubai International Financial Centers, auch etliche Steuerflüchtlinge und eine Handvoll halbseidener Gestalten, die mit windigen Geschäften absahnen wollen, indem sie von dem "Alles-ist-möglich-Ruf" des Emirates profitieren.

Groß bis gigantisch sind die Autos, die zwischen der Internet-City, dem Finanz-Viertel, der Media-City, den Villen von Jumeirah und den Hochhaustürmen an der Scheich-Zayed-Road herumfahren. "Mit der M-Klasse von Mercedes macht man in jeder deutschen Großstadt eine gute Figur, aber hier schauen Sie einen mit so einem kleinen Auto an wie einen Asozialen", sinniert die Ehefrau eines in Dubai ansässigen deutschen Firmenvertreters beim Mittagessen. Der Ruf des Muezzins, der laut vom Minarett einer benachbarten Moschee zum Gebet ruft, unterbricht ihre Überlegungen. Ein arabischer Banker begeistert sich: "Meine französische Ehefrau hat gestern Abend im Pool gesessen, dabei einen Film geschaut, im Wasser gegrilltes Fleisch serviert bekommen und eine Wasserpfeife geraucht. Wo sonst auf der Welt gibt es das?"

Um die exorbitant hohen Mieten von Dubai müssen sich die Ausländer, die von ihren Unternehmen an den Golf geschickt werden, in der Regel keine Gedanken machen, weil die oft von den Firmen übernommen werden. Das Personal ist im Vergleich zu Europa so günstig, dass sich auch die meisten mitreisenden Ehefrauen eine Haushälterin leisten. Die Kinder verbringen viel Zeit am Swimmingpool und in den Einkaufszentren, wo sie nicht nur Karussell fahren und in Klettergärten herumtoben können, sondern auch Ski fahren lernen. Selbst im Sommer bei einer Außentemperatur von 45 Grad im Schatten ist der Skihügel in der Mall of the Emirates gut besucht.

"Vor allem die Frauen verbringen hier einen Großteil ihrer Zeit mit Shopping - diejenigen, die das Geld ihrer Ehemänner ausgeben und diejenigen, die es selbst verdienen", sagt ein 39-jähriger Jordanier, der in den USA aufgewachsen ist und vor einem Jahr von der Wall Street nach Dubai gekommen ist. Von seinem sterilen Büro aus blickt er mitten in den Wald aus Wolkenkratzern und Baukränen, der weltweit zum Symbol für den Boom am Golf geworden ist. "Meine Wohnung liegt am Strand, darauf lege ich Wert, weil der Sand und das Meer doch das einzig Natürliche an dieser Stadt sind", sagt er. "Es ist schon alles ein bisschen künstlich hier, so wie in Las Vegas", sagt er. Trotzdem fühlt er sich wohl.

Denn wie viele Araber seiner Generation, die in Europa oder den USA gelebt haben, so ist auch für ihn Dubai ein Ort an dem er "Araber sein kann ohne den ganzen Ballast, der sonst dazugehört". Hier interessiert sich niemand dafür, ob ein Muslim Alkohol trinkt oder ob ein Schiit mit einer Sunnitin zum Abendessen geht. Wegen dieser Freiheit zieht es auch viele beruflich erfolgreiche, geschiedene Frauen aus arabischen Ländern nach Dubai. "Hier fehlt die gesellschaftliche Kontrolle, niemand grenzt sie hier aus, wenn sie alleinerziehend sind", sagt der Jordanier, der das Heimatland seiner Eltern als Kind verlassen hatte.

Wie viele Araber, die im Westen studiert haben, hofft auch er, in Dubai eine verwandte Seele zu finden. "Es wäre schön, eine Frau zu finden, die eine ähnliche Herkunft hat wie ich und gleichzeitig auch Weltbürgerin ist", sagt er. Bisher hat er allerdings noch kein Glück gehabt, was auch daran liegen mag, dass in Dubai, weil die meisten Migranten männlich sind, inzwischen dreimal so viele Männer wie Frauen leben.

Wie der Jordanier aus Manhattan so hat auch Leila Arbouz (29) aus Köln in Dubai einen internationalen Bekanntenkreis. "Anders als die meisten Ausländer hier habe ich aber auch viel Kontakt zu den Einheimischen", erklärt sie. In ihrem Kulturzentrum "Sahary Gate", das in einem renovierten alten Haus im Bastakija-Viertel liegt, bringt sie interessierten Ausländern die Kultur der Emiratis näher.

Für die quirlige Rheinländerin, deren Vater aus Algerien stammt, ist es ganz normal, dass sie den Touristengruppen und Geschäftsreisenden, die zu ihr kommen, nicht den Kölner Karneval näher bringt, sondern die Kultur ihres Gastlandes. Sie erklärt, was Gastfreundschaft auf der arabischen Halbinsel bedeutet, wie die Männer in den Vereinigten Arabischen Emiraten ihre Kopfbedeckung befestigen, und "dass nicht jeder, der ein weißes Gewand trägt, ein Scheich ist, vor dem man in so ehrfürchtigem Respekt erstarren muss, dass man kein Wort herausbringt". Mohammed Ansari, der bei "Sahary Gate" Kurse in arabischer Kalligrafie gibt, ist ein Muslim aus Indien. Die multikulturelle Gesellschaft, die in Europa von einigen Menschen als Bereicherung und von anderen als Bedrohung empfunden wird, ist in Dubai schon lange Alltag.

"Wie ticken die Menschen in einem Land, indem die Einheimischen eine Minderheit sind?", ist deshalb eine Frage, die sich viele Europäer stellen, wenn sie das erste Mal nach Dubai kommen. Die Antworten, die sie erhalten, sind so vielfältig wie die Nationalitäten der Dubai-Bewohner. "Es funktioniert, weil die Emiratis darauf achten, dass nicht zu viele Araber herkommen, die Unfrieden bringen", glaubt der arabische Vertreter eines britischen Finanzberatungsunternehmens. "Die Einheimischen verhindern mit ihren Gesetzen, dass jemand hier bleibt, sobald sein Arbeitsvisum abgelaufen ist", sagt ein Pakistaner, der für seinen Vater ein kleines Geschäft eröffnen will, damit dieser auch nach Erreichen der Pensionsgrenze in Dubai wohnen darf.

In Dubai gab es lange Zeit nur drei große Tabu-Themen: Die Ausbeutung der Kinder-Jockeys, die bei den Kamelrennen eingesetzt wurden, die Prostitution und die Lage der Bauarbeiter, die zum Teil in schäbigen Unterkünften hausen und jeden Tag in der Hitze schuften, um am Monatsende vielleicht 100 US-Dollar nach Hause zu schicken. Die minderjährigen Jockeys wurden inzwischen in ihre Heimatländer zurückgebracht, über die nur an einigen Orten sichtbare Prostitution spricht man nicht mehr, und der Not der Bauarbeiter hat sich inzwischen die Verwaltung des Emirates angenommen. Nach Protesten auf mehreren Großbaustellen sind die Inspektionen nun strenger geworden. Den schwarzen Schafen unter den Bauunternehmern droht man, ihnen künftig keine Visa mehr für ausländische Arbeiter zuzuteilen.

"Hier hat man verstanden, dass man den Ausländern auch etwas bieten muss, damit sie kommen und vor allem, damit sie auch einige Jahre bleiben und zum Aufschwung beitragen", räsoniert ein gebürtiger Palästinenser, der schon vor dem großen Immobilien- und Luxushotel-Hype in Dubai lebte. Am Wochenende, wenn der Stau nachlässt, fährt er mit einem Ferrari oder Maserati aus seiner Sportwagen-Sammlung raus aus der Stadt, vorbei an überdachten Bushaltestellen mit Klimaanlage, die von der Stadtverwaltung vor einigen Wochen aufgestellt wurden, damit die Hotelangestellten, Verkäufer und Supermarktkassierer, die sich kein Auto leisten können, nicht draußen in der schwülen Hitze warten müssen.