Sie fordern von der neuen Landesregierung in Potsdam, sie möge prüfen, ob sie den Belangen des gesamten Landes gerecht wird. Was bedeutet das für die Lausitz?
Die Herausforderungen für die Landespolitik in den kommenden fünf Jahren liegen nicht im Speckgürtel von Berlin, sondern in der Peripherie. Und zwar bedingt durch den demographischen Wandel. Es ist allerdings nicht mit Forderungen getan, mehr Geld in die Regionen zu leiten. In den Regionen selbst muss ein Prozess des Umdenkens stattfinden. Sie müssen sich fragen: Was können wir aus eigener Kraft und in eigener Verantwortung selber tun? Wir müssen uns selbst kümmern. Das müssen wir neu lernen. Es kommt darauf an, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und die Kräfte zu mobilisieren, bevor unbestimmte Geld-Forderungen an die Landespolitik erhoben werden.

Wo liegen die Stärken?
Wir haben in der Lausitz einen sehr hohen industriellen Besatz, der sogar über dem Durchschnitt der Bundesrepublik liegt. Wenn man alle Klein- und mittelständischen Betriebe zusammennimmt, dann haben wir in dem Bereich des produzierenden Gewerbes in Deutschland einen Durchschnitt von gut 26 Prozent und in Süd-Brandenburg von 27 Prozent. Die Aufgabe besteht darin, diesen industriellen Kern weiter zu stärken.

Wie geht das?
Das geht nur über eine Stärkung der Innovationsfähigkeit der Unternehmen. Wir müssen die Unternehmen unterstützen, in eine deutlich engere Kooperation mit den Wissenschaftseinrichtungen des Landes zu kommen.

Wirtschaftsförderung wäre also auch Wissenschafts- und Bildungspolitik?
Genau so ist es. Ein wesentlicher Bereich der Bildungspolitik muss darin bestehen, dem Praxisbezug der Forschung eine deutlich höhere Aufmerksamkeit zu widmen.

Das hört man im Wissenschaftsbetrieb nicht so gern. Der universitäre Bereich will ja forschen. Er will Forschungsnachwuchs heranziehen. Aber der überwiegende Teil der Studierenden ist ja daran interessiert, in eine praktische Arbeit, in einen Beruf zu gehen, statt Forscher an einer Universität zu werden. Wir wollen erreichen, dass die Leute, die hierherkommen, nach einem erfolgreichen Studium auch in der Region bleiben und nicht wieder abmarschieren. Das gilt auch für Ausländer oder Studierende, die aus anderen Bundesländern hierherkommen.

Und um damit die Akademiker nicht wieder abmarschieren, muss was geschehen?
Dazu braucht es ein besseres Standort-Marketing als wir es in der Vergangenheit hatten. Wir müssen die Vorzüge der Region herausarbeiten.

Von wem fordern Sie ein besseres Marketing?
Das ist eine Aufgabe der Wirtschaftsförderungenzusammen mit den jeweils politisch Verantwortlichen und den Kammern.

Was muss noch geschehen?
Mir fällt da das Stichwort Willkommenskultur ein. Die Region wird sich anstrengen müssen, sich für Menschen aus aller Herren Länder - und Bundesländer - zu öffnen.

Da sehen Sie ein Problem?
Nach meiner Beobachtung ist es für Leute, die hierherkommen oder hier nicht hier geboren und aufgewachsen sind, deutlich schwerer, Fuß zu fassen. Gerade für Unternehmen, die darauf angewiesen sind, Fachkräfte von außen heranzuziehen, ist es von großer Bedeutung, wie schnell der Integrationsprozess verläuft. Ich glaube, da ist noch Luft nach oben.

Wie kann sich das ändern?
Das kann über die Vereine gehen. Das kann über das gesellschaftliche Leben gehen. Aber was nicht geht, sind Signale an Investoren wie "Was wir hier haben, reicht uns völlig aus, damit sind wir zufrieden".

Sie haben wohl einen konkreten Fall im Kopf?
Das Blechen-Carré in Cottbus. Es gab einen Investor, aber quer durch alle Parteien kam das Signal "Wir brauchen nicht mehr". Eine Region, die nicht offen für Neues und für Wettbewerb ist, hat keine gute Zukunft.

Mit welchen Vorzügen kann die Region punkten?
Die Region hat leider kein so gutes Image. Tatsächlich sind aber viele, die neu in die Region kommen, überrascht, weil sie ein ganz andere Bilder im Kopf haben. Warum schaffen wir es nicht, dieses alte Bild von Plattenbau, Braunkohle, Staub, Dreck, diese ganze triste Atmosphäre, die viele mit Cottbus und der Lausitz verbinden, zu verändern. Dieses Bild hat doch überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Der Freizeitwert in der Lausitz ist extrem hoch. Ob ich über den Spreewald oder über das Seenland rede, ob ich über die Nähe zu Berlin und Dresden rede oder die Nähe zu Polen. Die Lausitz liegt ideal in der Mitte. Das ist das eine. Das andere sind die Schulen und Kitas. Speziell für Familien mit Kindern haben wir ein ausgezeichnetes Angebot. Und dann kommt der ganze Kulturbereich. Kindertheater, Staatstheater, Bibliotheken, Galerien, Museen, Branitzer Park, und, und, und. Wir haben eine Fülle von Freizeitmöglichkeiten, die aber nur Einheimische, sozusagen Eingeweihte kennen. Warum gelingt es uns nicht, die Vorzüge der Region mit all ihren kulturellen Höhepunkten als attraktiven Standort zu vermarkten?

Ja, warum nicht?
Die politisch Verantwortlichen aus der Region müssen vorrangig diese Frage beantworten. Wenn wir in der nächsten Zeit über die geplante Kreisgebietsreform diskutieren, sollte auch die Frage erörtert werden, warum jeder seins macht und warum es nicht gelingt, den Blick auf das größere Ganze zu richten, Kräfte zu bündeln, um mehr Durchschlagskraft zu entwickeln. Was ich beklage, ist die manchmal sehr kleinteilige, um nicht zu sagen provinzielle Art und Weise, sich mit sich selbst zu beschäftigen, anstatt zu versuchen, sich im Wettbewerb der Regionen besser aufzustellen und attraktiver zu verkaufen.

Staub und Dreck hat ja auch nicht wirklich etwas mit moderner Industrie zu tun. Das hat sich auch auf der großen Industriekonferenz gezeigt, die im Sommer in Cottbus stattfand.
Die spannende Frage ist: Was folgt aus den Konferenzen? Wir diskutieren Themen wie Fachkräftemangel, Nachwuchssorgen und Bürokratismus, und es gibt gute Vorträge, Protokolle und Papiere. Aber eine solche Konferenz muss konkrete Folgen haben und die kann ich derzeit nicht erkennen. Ich halte eine solche Industriekonferenz am Standort Cottbus für wichtig, sie sollte dort in Verbindung mit der BTU Cottbus-Senftenberg auch etabliert werden. Aber eine weitere Industriekonferenz sollte erst einmal mit einer kritischen Bilanz einhergehen. Was haben wir bisher erreicht außer, dass wir uns gegenseitig all das noch mal bestätigt haben, was wir längst wissen?

Sie meinen wohl, reden allein hilft nicht weiter?
Wir brauchen konkrete Maßnahmen. Wenn wir uns zu einem Industriestandort Süd-Brandenburg bekennen, muss auch alles unternommen werden, um die Belastungen gerade der Industrieunternehmen zu minimieren. Natürlich weiß ich, dass es schwierig ist für die Politik in Brandenburg, dafür zu sorgen, dass die Energiekosten der Unternehmen nicht weiter steigen. Das erwarte ich aber von der neuen Landesregierung. Sie muss sich energisch dafür einsetzen, dass die Netzkosten in den neuen Ländern gesenkt werden.

Was noch?
Wir müssen uns deutlich stärker um die jungen Leute kümmern. Jeder zweite Schüler macht Abitur. Es gibt den Drang der jungen Leute, nach dem Abitur zu studieren. Da ist klar, wo die Not der Unternehmen liegt, in fehlenden Nachwuchs sowohl im Handwerk als auch in Industrie und Handel. Wir müssen an die Gymnasien kommen, um jungen Menschen auch eine Perspektive in der dualen Ausbildung aufzuzeigen. Die elitäre Abschottung der Gymnasien - nach dem Motto: dafür sind wir nicht zuständig, unsere Aufgabe ist es, den akademischen Nachwuchs auszubilden - ist schlichtweg von vorgestern. Das belegen dann auch die hohen Abbrecher-Quoten im Bereich des Bachelor-Studiums. Wenn jemand es mit dem Studium probiert, er aber erkennbar Schwierigkeiten hat, es zu meistern, müssen die Hochschulen bereit sein, mit den Kammern und der Arbeitsagentur den Studenten eine neue Perspektive in der Region aufzuzeigen. Die kann in einer dualen Ausbildung liegen. Ansonsten gehen die Leute von der Universität und verschwinden irgendwo im Niemandsland.

Mit Wolfgang Krüger

sprach Johannes M. Fischer