Vertrauenslehrerin Marlies Keßler will den Kindern vor allem zwei Sachen beibringen: Die Schüler sollen lernen, wie man sich wehrt und wie man den Ärger zur Sprache bringt. Und sie müssen wissen, dass sie ein Recht auf Hilfe haben, wenn sie von Mitschülern drangsaliert werden.
Mit den bisherigen Erfolgen bei den 400 Schülern der Schule ist sie zufrieden. "Es gibt deutlich weniger Probleme", sagt sie. Im Zentrum steht, den Mädchen und Jungen Selbstvertrauen zu geben. Pausenaufsicht kann ein Weg sein, den Schülern zu zeigen: Ihr werdet gebraucht. Und der Erfolg gibt der Geschichts- und Ethiklehrerin offenbar recht. "Die Schüler sind absolut bereit mitzuarbeiten, wenn man sie motiviert", sagt Keßler. Dahinter stecke ein ganz simpler Mechanismus. "Wir müssen den Schülern eine Chance geben, sich positiv in der Schule zu beweisen", sagt sie. Daneben gehe es auch darum, den Schülern eine Streitkultur beizubringen, die Mobbing unmöglich mache.
Zu den Programmen gehöre auch, dass sich die Älteren um die Jüngeren kümmern. "Wir haben Patenschaften zwischen den Klassen eingerichtet", sagt Schülersprecherin Marie Stelter. Gebe es dort Streit, dann können die geärgerten Kleinen sich Rat bei den Großen holen. "Und das funktioniert recht gut", sagt die 13-Jährige. Entscheidend sei in jedem Streit, so Keßler, dass er ausgesprochen werde. Das gelte auch, wenn ein Lehrer einen Schüler mobbt.
Die Pädagogen stehen an den Schulen jedoch in einem ganz speziellen Konflikt. Denn sie können gleich von mehreren Seiten in den Mobbing-Sumpf hineingezogen werden. Der Direktor, die Kollegen und nicht zuletzt die Schüler - die Gefahr, von einer dieser drei Seiten ins Visier genommen zu werden, ist ungleich größer als in Büros oder Werkstätten. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat daher vor rund einem Jahr in Bautzen eine Mobbing-Beratungsstelle eingerichtet. "Fünf Kollegen haben bereits Hilfe gesucht", sagte Beratungsstellen-Leiterin Annegret Groth kopp.
Dem Problem Mobbing hat sich auch der Weiße Ring, ein Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern, angenommen. Er organisiert seit einem Jahr bundesweit ein Streitschlichtungsprogramm an Schulen. Der Verein berichtet von 13-jährigen Mädchen, die in der Schule unter Eifersüchteleien zu leiden haben, von übler Nachrede und Drohbriefen, die letztlich zum Schulwechsel des Opfers führen. Sätze wie "Verkriech dich in deinem Zimmer und komm' nie wieder raus" seien dabei nur die Vorstufe auf dem Weg zur offenen Gewaltandrohung.
Einen Fall, bei dem eine Schülerin durch Mobbing krank wurde, musste auch Lehrerin Keßler schon erleben. Erst mit vielen Gesprächen habe sie das Problem lösen können. Oft helfe es schon, wenn die Eltern des Störenfrieds von den Gängeleien erfahren. In schwereren Fällen müsse auch der Direktor eingreifen, sagt Keßler. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann dürfe auch ein Schulverweis nicht tabu sein. Internet: www.kidsmobbing.de www.mobbing.gutenbergschule.org www.fassmichnichtan.de

Stichwort Mobbing
Der Begriff "Mobbing" leitet sich aus dem Englischen ab und bedeutet "anpöbeln" oder "jemanden fertig machen". Nicht gemeint sind damit die üblichen Rangeleien auf dem Schulhof oder Sticheleien unter Schülern. Vielmehr geht es um lang anhaltende, persönliche Verletzungen und böswillige Handlungen, die kein anderes Ziel haben, als einen Mitschüler zu demütigen. Darunter fallen zum Beispiel hinterhältige Anspielungen, Verleumdungen, Drohungen bis hin zu Quälereien und Verletzungen. Die Folgen können vom Rückzug des Opfers aus der Gemeinschaft bis hin zu lang anhaltenden körperlichen und psychischen Krankheiten führen, die behandelt werden müssen.