Dabei kommt den Arbeitnehmerorganisationen entgegen, dass sie sich in ihren Heimatländern mit ähnlichen Problemen konfrontiert sehen.
Nachwuchssorgen, Angst vor weiterem Arbeitsplatzabbau in der Wirtschaft und Widerstand gegen drohende Sozialreformen - die Rahmenbedingungen der Gewerkschaften unterscheiden sich kaum von Land zu Land. "Wir stehen vor den gleichen Problemen", sagt der ehemalige polnische Arbeitsminister Longin Komolowski, der aus dem Solidarnosc-Umfeld kommt. Tschechische Gewerkschafter berichten von Unternehmern, die drohen, ihre Fertigung weiter nach Osten zu verlagern. Für deutsche Gewerkschafter ein bekanntes Phänomen.
An der Ostgrenze Deutschlands wurden in den neunziger Jahren mehrere so genannter interregionaler Gewerkschaftsräte ins Leben gerufen, wie es sie auch in anderen Grenzregionen Europas gibt. Bei regelmäßigen Treffen überlegen sich Gewerkschafter, wie sie sich gegenseitig helfen können.
Dem Gewerkschaftsrat Elbe/Neiße gehören der DGB Sachsen, die tschechische Dachgewerkschaft CMKOS in Nordböhmen und Solidarnosc im polnischen Niederschlesien an. Konkret sieht die Zusammenarbeit so aus: Sächsische Gewerkschafter fahren schon mal nach Polen, um dort die Proteste von Beschäftigten zu unterstützen. Schulungen von Arbeitnehmern werden organisiert, der Jugendaustausch gehört ebenfalls dazu. Gemeinsam ist den Gewerkschaften auch der fehlende Nachwuchs: "Solidarnosc tut sich schwer, junge Leute für sich zu gewinnen", sagt Sniatecki. Manchmal müssen im Gewerkschaftsrat auch unterschiedliche Interessen unter einen Hut gebracht werden. So ist die Regelung, die Arbeitnehmer aus den Beitrittsländern nach der EU-Erweiterung am 1. Mai bis zu sieben Jahre vom deutschen Arbeitsmarkt fern hält, den Gewerkschaftern in Polen und Tschechien ein Dorn im Auge. Es werde auch so nicht zu einer *amp *Uuml;berflutung des deutschen Arbeitsmarktes mit polnischen Arbeitern kommen, beteuert Longin Komolowski.
Hanjo Lucassen betont dagegen, der angespannte Arbeitsmarkt in Ostdeutschland brauche den Schutz durch Übergangsfristen. "Wir sind jedoch der Ansicht, dass diese Fristen nicht voll ausgeschöpft werden müssen und die Arbeitnehmerfreizügigkeit schon vor Ablauf der Maximalfrist von sieben Jahren hergestellt werden kann."
Eine grenzüberschreitende Kommission der Gewerkschaften soll nun die Entwicklung der Arbeitsmärkte in den kommenden Jahren beobachten und der Bundesregierung gegebenenfalls eine vorzeitige Lockerung der Freizügigkeitssperre empfehlen.