Es war Zufall, dass sich Täter und Opfer in der Nacht zum 10. Juli an einer Straßenbahnhaltestelle in Cottbus trafen. Doch die Begegnung zwischen dem 19-jährigen Steffen G., dem mutmaßlichen Mörder, und dem 51-jährigen Jürgen G., dem späteren Opfer, nahm einen schicksalhaften Ausgang. Die tiefen Wurzeln könnten in einem Computerspiel zu finden sein.

Stundenlang Wrestling gespielt
Gestern berichtete Steffen G. dem Jugendschöffengericht, dass er sechs oder sieben Stunden lang gegen einen Bekannten an der Playstation Wrestling gespielt hat. Bei den Kämpfen mit seinem ein Jahr älteren Kumpel in „SmackDows vs. Raw 2006“ habe er bei den virtuellen Schlägen, Tritten und Catchereinlagen keine Chance gehabt. „Ich habe immer verloren“ , so Steffen G.. Darüber sei er wütend geworden. Alkohol - Bier, Likör und Wein in Mengen für 1,7 Promille im Blut - hätten ihn zudem aggressiv gemacht wie immer, wenn er reichlich trank. Timo H., der Playstation-Gegner an diesem Abend bestätigte als Zeuge vor Gericht: „Steffen war richtig in Rage.“ Diese steigerte sich, als die beiden jungen Männer auf dem Weg zur Wohnung des heutigen Angeklagten von einer Polizeistreife aufgegriffen wurde. Steffen G. hatte einen Fahrkartenautomaten an der Haltestelle mit Fußtritten traktiert. Die Polizei sprach einen Platzverweis aus, die Wege der beiden Freunde trennten sich, um sich kurze Zeit später wieder zu treffen. Steffen G. tauchte nämlich urplötzlich wieder bei Timo H. auf, diesmal mit dem späterem Opfer, das er an einer Straßenbahnhaltestelle getroffen hatte. Der 51-jährige ehemalige Landwirt, gescheiterte Versicherungsvertreter und in Alkoholabhängigkeit gestürzte Mann war seit einigen Tagen obdachlos und deshalb wohl froh darüber, dass er angeblich die Nacht über bei Timo H. verbringen konnte. Daraus wurde nichts.
Die Drei machten sich auf den Weg. In einem kleinen Park an einer Treppe hat Steffen G. sein Opfer plötzlich von hinten in den Rücken getreten. Der Überfallene stürzte 22 Stufen hinab, als er sich aufrappeln wollte, malträtierte Steffen G. ihn: Erst mit Faustschlägen ins Gesicht, dann nach Wrestling-Manier mit dem Fuß gegen den Kopf. Dabei wurde laut Gerichtsmedizin das Gesicht zertrümmert, der Obdachlose erstickte an seinem eigenen Blut. Eine 80-jährige Rentnerin, die den Toten fand, und die Ex-Frau, die ihren Mann identifizierte, sagten vor Gericht: „Es war ein schrecklicher Anblick.“ Ein Kripobeamter schilderte: „Wir haben in einem großen Umkreis Blutspuren gefunden.“
Woher diese brutale Gewalt gegen einen Mann, der nach Angaben seiner ehemaligen Ehefrau selbst niemals gewalttätig war? Steffen G. sagte: „Ich war damals ein anderer Mensch“ . Aus Ärger und Frust über die Polizeikontrolle sowie die Niederlagen im Computerspiel habe er sein Opfer angegriffen. „Die Bilder von dem Computerspiel waren plötzlich in meinem Kopf“ , sagte er: die Fußtritte und Faustschläge, die stundenlang auf ihn eingeprasselt waren und denen er virtuell stets unterlegen war. „Da wollte ich mir selbst etwas beweisen, wollte sehen, wie sehr ich ihn verletzten kann, was ich so drauf habe.“ Töten wollte er sein Opfer nicht. „Ich habe zu spät aufgehört“ , fügte er hinzu. Am frühen Morgen, wieder zu Sinnen gekommen, hat sich Steffen G. der Polizei gestellt.

Hirnforscher wird gehört
Am kommenden Montag will das Gericht das PC-Spiel zeigen und den Hirnforscher Prof. Spitzer von der Uniklinik Ulm hören. Dieser soll als Gutachter beurteilen, ob das Spielen von „Smack Dows vs. Raw 2006“ oder vergleichbarer Computerspiele Hirnfunktionen verändern und beim Angeklagten zur Beeinträchtigung der Schuldfähigkeit geführt haben kann. Das Gutachten könnte die heftigen Diskussionen um gewaltverherrlichende Computerspiele die in Deutschland und der EU geführt werden, beeinflussen. Diese waren nach dem Amoklauf eines 18-jährigen Schülers am 20. November im nordrhein-westfälischen Emsdetten und weiteren Gewaltdrohungen von Schülern in Brandenburg/Havel und im pfälzischen Hexheim entbrannt.
Christopher (16), der mit Mitschülerinnen und Mitschülern einer 9. Klasse der Pestalozzi-Schule Cottbus die Verhandlung verfolgte, sagte: „Ich spiele jeden Tag eine Stunde, auch Gewalt spiele. Dann höre ich auf, weil es zu langweilig wird.“ Gefährlich könnte es seiner Meinung nach werden, wenn welche „schon in der siebenten Klasse so etwas machen“ .