Nach Angaben der Polizei wird Tag für Tag an irgendeiner Lausitzer Schule geschlagen und zugetreten, gemobbt und beleidigt, bedroht und erpresst. Offenbar gehört das inzwischen zum Schul-Alltag. Allenthalben wird hinterher bei der Aufarbeitung der Taten nur deutsche Normalität entdeckt. Die Lehrer sind „völlig überrascht“ , wie vor den Kopf gestoßen, weil sie „keine Anzeichen“ bemerkt haben. Das war in Coburg nicht anders als jetzt in Hildesheim oder vor drei Jahren in Elsterwerda.
Dort hatten vier damals 15-Jährige monatelang einen Mitschüler gequält. Das Opfer Michael N. hatte lange geschwiegen. Erst als ihm einer seiner Peiniger ein blaues Auge schlug, seine Torturen nicht mehr zu verbergen waren, erzählte er, was er in seiner Schule zu ertragen hatte. „Mit so etwas hatte niemand gerechnet“ , sagte damals seine Klassenlehrerin. Und heute„
In Spremberg sorgte vor elf Monaten der Fall Emily Witte für Schlagzeilen, nachdem die damals 15-jährige Vietnamesin auf der Toilette der Gesamtschule von einer kräftigen Zehntklässlerin derart angegangen worden war, dass die Hausärztin das Mädchen vorsichtshalber zur Untersuchung ins Krankenhaus einweisen ließ. Auch die 14-jährige Tina Marks hatte Angst, war „psychisch völlig fertig“ , nachdem sie ein 15-Jähriger vor einem Jahr vor dem Unterricht in der Schönewalder Grund- und Gesamtschule (Elbe-Elster-Kreis) krankenhausreif geschlagen hatte. Dass dieser Junge vorher seit Wochen nicht nur Tina, sondern auch andere Mädchen und Mitschüler attackiert und bedroht hatte, war bekannt. Geschützt hat Tina Marks das nicht.

Tortur wochenlang unbemerkt
In Hoyerswerda kam der Gewaltausbruch für Lehrer und Schulleiter indes angeblich aus dem Nichts. Dort drangsalierten vor gut einem Jahr mehrere zuvor „völlig unauffällige“ 14-Jährige über Wochen einen Klassenkameraden, spielten „Elitepolizei“ , drängten ihr Opfer gegen die Wand, zwangen es zu Boden, schlugen und traten zu.
Alles nur medienwirksame Einzelfälle“ „Natürlich gibt es auch bei uns immer wieder Schlägereien auf dem Schulhof“ , sagt der Cottbuser Polizeisprecher Berndt Fleischer und lässt Zahlen sprechen: Allein in Cottbus, Forst, Guben und Spremberg hat die Polizei im vergangenen Jahr rund 60 Gewaltdelikte auf Pausenhöfen registriert (siehe Hintergrund). Zu den Opfern zählten auch fünf Lehrer. Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis nahmen die Beamten gar 146 Gewaltdelikte in und auf dem Weg zur Schule zu Protokoll – ein ganz „normaler“ Durchschnittswert. Und auch im Schutzbereich Hoyerswerda setzte es Ohrfeigen, pressten Schüler unter Androhung von Gewalt Mitschülern Geld ab, brach ein Berufsschüler einem anderen gar den Kiefer. Dort zählte die Polizei 26 Gewaltdelikte im letzten Jahr.
„Die Dunkelziffer ist aber hoch, weil die Opfer oft Angst haben, Anzeige zu erstatten“ , sagt der Cottbuser Polizeisprecher Berndt Fleischer, während sein Kollege Peter Boenki aus dem Oberspreewald-Lausitz-Kreis erklärt: „Für mich ist immer wieder erstaunlich, wie brutal Schüler gegen Mitschüler vorgehen. Man spricht weniger miteinander, schlägt lieber gleich zu.“
Eine bundesweite Studie teilt diese Beobachtung allerdings nicht. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass „Gewalt an Schulen eindeutig die Angelegenheit eines kleinen, sehr gewaltbereiten Kerns“ ist. Ein Prozent aller Schüler sei für mehr als ein Sechstel aller Schulgewalt verantwortlich.

Studie: Mehrheit hasst Gewalt
Befragungen des Potsdamer Professors Dietmar Sturzbecher bestätigen das. Die große Mehrheit der Schüler in Brandenburg verabscheut Gewalt, hat er ermittelt. Auch dem Cottbuser Schulamt, zuständig für ganz Südbrandenburg, liegt derzeit „kein aktueller Fall“ auf dem Tisch. Schulamtsleiter Dietmar Wolter hat dennoch „den Eindruck, dass die Gewalt zugenommen hat“ . Er sieht deshalb noch Verbesserungsbedarf bei der „bislang eher zufälligen“ Zusammenarbeit zwischen Schulamt, Jugendamt, Schulen und Polizei, obwohl jede Schule in seinem Bezirk einen festen Ansprechpartner bei der Polizei hat. Und er fordert einen „offeneren Datenaustausch zwischen den Behörden über Schüler, die auch außerhalb der Schule auffällig sind“ .
Schulleiter aus der Region zeichnen indes ein völlig anderes Bild, als die nüchternen Zahlen und die Eindrücke der Polizei vermitteln. „Derart extreme Dinge wie die Fälle, die jetzt bundesweit durch die Medien gegangen sind, sind bei uns nicht möglich“ , sagt der Forster Gesamtschulleiter Peter Bohde. Zugleich räumt er aber ein, dass es natürlich mal eine Prügelei oder Mobbing an seiner Schule gebe. „Das bewegt sich aber im normalen Rahmen.“
Auch Bohdes Finsterwalder Kollegin Christel Arlt gibt zu, dass es immer wieder mal „Kleinigkeiten“ oder „Ansätze gibt, dass einzelne oder Gruppen versuchen, sich gewaltsam auseinanderzusetzen“ . „Dann reden wir mit den Betroffenen, geben ihnen die Chance, sich noch einmal die Meinung zu sagen und einen gemeinsamen Beschluss zu fassen, wie sie künftig miteinander umgehen wollen“ , sagt Christel Arlt. „Das funktioniert.“

Immer weniger Respekt
Die Doberlug-Kirchhainer Gesamtschulleiterin Regina Nowottnick stößt ins selbe Horn. Sie hat zwar beobachtet, dass die „Hemmschwelle der Schüler abgenommen hat, jemanden zu beleidigen“ . Mitunter fehle der Respekt vor den Lehrern, selbst vor den eigenen Eltern, sagt sie. Ein Gewaltproblem gebe es an ihrer Schule aber nicht, sagt sie.
Dass nach Angaben der Opferorganisation „Weißer Ring“ inzwischen jeder dritte Schüler Angst hat, in die Pause zu gehen, weil er sich vor Gewalt, Raub oder Schutzgelderpressung fürchtet, will keiner bemerkt haben. Auch dass nach einer Studie der Universität Erlangen jeder 20. Schüler andere regelmäßig bedroht oder beschimpft und fast zwei Drittel der Jungen in den sechs Monaten vor der Befragung einen Mitschüler geschlagen oder getreten hatten, bestätigt niemand.

Aha-Effekte durch Aufklärung
Trotzdem ist Roland Schaulies, Polizist in Diensten des Cottbuser Jugendrechtshauses, in der Region ein sehr gefragter Mann. An vier Tagen die Woche tourt er durch sechste Klassen, um Schülern und Lehrern das Einmaleins der „Gewalt – Mit mir nicht“ näherzubringen. Dabei macht er den Jugendlichen klar, welche Konsequenzen Straftaten für ihr Leben haben. „Das ist für die ein richtiger Aha-Effekt, dass sie mit einem Akteneintrag aufgrund eines Gewaltdeliktes kein öffentlicher Bediensteter mehr werden können“ , sagt Schaulies. Doch auch Lehrer seien oft überrascht, welche Rechte sie haben, um zum Beispiel Schulranzen auf Waffen oder Drogen zu kontrollieren.
„Die Jugend“ , so Schaulies, „bekommt zu wenig Grenzen gesetzt.“ Geprügelt hätten sich Schüler schon immer. „Aber leider schlagen die heute viel brutaler zu.“

hintergrund Eine regionale Statistik des Schreckens
 In Cottbus und im Spree-Neiße-Kreis registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 36 Körperverletzungen auf Schulhöfen. 15-mal droschen Schüler einen Mitschüler mit Schlagwerkzeugen krankenhausreif. Sechsmal bedrohten oder erpressten Pennäler einen Klassenkameraden.
146 Gewaltdelikte auf Schulhöfen oder auf dem Schulweg sind für den Elbe-Elster-Kreis nach Polizeiangaben statistisch gesehen ebenfalls „nur“ Durchschnitt. 39-mal beschmierten Schüler dort im vergangenen Jahr Schulhöfe oder ließen ihrer Zerstörungswut freien Lauf. 27 Diebstähle, acht Bedrohungen, ein Raub unter Gewaltanwendung und 41 Körperverletzungen zählte die Polizei.
Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis nahmen die Beamten im vergangenen Jahr 26 Körperverletzungen zu Protokoll. Hinzu kamen 15 gefährliche oder schwere Körperverletzungen, eine Erpressung und insgesamt sechs Beleidigungen.
Im Schutzbereich Hoyerswerda protokollierte die Polizei im vergangenen Jahr 26 Gewaltdelikte, die Schüler auf dem Pausenhof oder auf dem Schulweg verübt hatten.