Als ob man nicht gerade in Deutschland wüsste, wie schnell sich Nachrichten verselbständigen können. Aus Bildern über Leipziger Demonstrationen wurde 1989 eine Volksbewegung, aus einem unbedachten "Äh, ab sofort" die Maueröffnung. Und das war noch zu normalen Fernsehzeiten. Im Internet-Zeitalter verbreiten sich Informationen noch viel schneller.

Doch in der Flüchtlingskrise ist die Kommunikation der Bundesregierung erbärmlich organisiert. Gelinde gesagt. Fehlende interne Unterrichtungen zwischen den verschiedenen Ministerien und fehlende Koordinierung dessen, was nach außen geht, das kennzeichnet die Lage. So mussten Kanzlerin Angela Merkel und Flüchtlingskoordinator Peter Altmaier (beide CDU) eingestehen, dass sie über wichtige Weichenstellungen des Innenministers bei den Asylverfahren erst aus den Nachrichten erfuhren.

So löste das Bundesamt für Migration Ende August per Twitter einen Ansturm auf Deutschland aus, als es mal eben verkündete, es verzichte künftig auf die Anwendung der Dublin-Regelung. So weiß das Innenministerium nicht, wie es am Donnerstag einräumen musste, wie viele Flüchtlinge sich derzeit in Erstaufnahmeeinrichtungen befinden. Das sind nur drei besonders krasse Beispiele.

Als 2003 der Irak-Krieg ausbrach, gründete der damalige Regierungssprecher Bela Anda im Bundespresseamt einen "Newsroom" aus Vertretern aller involvierten Ministerien. Dieser Kommunikations-Krisenstab sollte die Politik ständig darüber informieren, was zum Thema vermeldet wurde. Es sollte gegen Falschmeldungen und Gerüchte schnell reagieren, sie spätestens nach zwei Stunden korrigieren ("rapid response"). Und es sollte Auskünfte an die Presse koordinieren. Ähnliches gab es bei den Reformen der Agenda 2010.

Nichts dergleichen geschieht in der größten Krise der Nachkriegsgeschichte. Für das Flüchtlingsproblem sind zahlreiche Institutionen zuständig, in den Ländern und im Bund. Aber nirgendwo werden die Informationen zusammengetragen, um aus ihrem Extrakt Parlament, Bürger und Presse zu informieren. Und nur unzureichend wird in den sozialen Medien gegen Falschmeldungen vorgegangen, seien es solche von Schleppern, seien es welche von Rechtsextremen.

Dabei müsste es täglich umfassende, transparente Informationen geben: Wie viele Flüchtlinge sind heute gekommen, wo sind sie, in welchem Status des Verfahrens befinden sie sich, welche Probleme sind aufgetaucht und/oder gelöst worden. Zahlen, Fakten, Tendenzen. Und weiter: Welche Änderungen wurden beschlossen, welche aktuellen Entwicklungen hat es in den Transit- oder Herkunftsländern gegeben, was läuft politisch auf internationaler Ebene zu diesem Thema.

Dazu noch Basis-Informationen für die Bürger: Wie funktioniert die Familienzusammenführung, welche Ansprüche haben Flüchtlinge, wie und wann sind Abschiebungen möglich.

All das geschieht nicht oder nur sehr unzureichend. Stattdessen müssen sich die Medien alle Informationen mühsam zusammenklauben, die beteiligten Verwaltungen ebenso. Erst recht aber die Bürger. Was bei ihnen ankommt, ist zufällig und lückenhaft. In dieser Lücke kann praktisch jedes Gerücht wachsen, kann bei den Deutschen Angst und bei den Flüchtlingen Torschlusspanik ausgelöst werden.

Man hätte gedacht, dass mit der Berufung eines obersten Flüchtlingskoordinators zugleich auch eine Einrichtung zur zentralen Koordinierung der Kommunikation geschaffen würde. Doch weit gefehlt. Die Ressorts besprechen zwar regelmäßig ihre Öffentlichkeitsarbeit zum Thema, also die Websites und Broschüren. Auch telefoniert man zur Vorbereitung der Regierungspressekonferenzen miteinander. Beides ist Routine. Die Hoheit über die Kommunikation aber hat jedes Ministerium behalten und wacht eifersüchtig darüber.

Die Bundesregierung sollte sich wirklich an das Beispiel DDR erinnern. An mangelnder Kommunikation sind schon ganze Staaten gescheitert.