Bei der geplanten Strukturreform will Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) den Krankenkassen regulär erlauben, Hausarzt-Modelle und Rabatte für gesundheitsbewusstes Verhalten anzubieten (die RUNDSCHAU berichtete). Wie Ministeriumssprecherin Annelies Ilona Klug gestern bestätigte. So könnten Versicherte, die immer zuerst ihren Hausarzt aufsuchen, etwas weniger bei Arzneien oder Klinikaufenthalt zuzahlen.
Die beiden größten Ersatzkassen, die Barmer und die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK), planen Rabatte für Gesundheitsbewusste. Nach Angaben des Magazins "Focus" will die Barmer dabei einen Nachlass beim Beitragssatz von einem Prozent gewähren. In den Genuss könnte kommen, wer etwa aufhört zu rauchen, sich gesünder ernährt, mehr bewegt, seinen Blutdruck senkt oder nötigenfalls abnimmt. Ausgewählte Hausärzte sollen die Fortschritte überwachen.
Die Barmer Ersatzkasse hat den "Focus"-Bericht in des dementiert. "Es ist noch viel zu früh, den Bonus konkret zu beziffern", sagte Barmer-Sprecherin Susanne Uhrig gestern in Wuppertal. Ein erstes Bonus-Programm will die Barmer im Frühjahr starten, die sich an einem der neuen Chroniker-Programme beteiligen.

TK will Vorreiter sein
Als Vorreiter will die Techniker Krankenkasse (TK) zum Jahreswechsel einen Billig-Tarif anbieten. Dabei können Versicherte bis zu 240 Euro im Jahr sparen, wenn sie gar nicht oder selten zum Arzt gehen. Auf Drängen von Schmidt muss die TK den Billig-Tarif aber auf Mitglieder beschränken, die mehr als 3825 Euro im Monat verdienen.
Wie die großen Ersatzkassen planen auch die Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) für ihre 19 Millionen Mitglieder Bonus-Tarife. Dabei sollen Versicherte finanziell begünstigt werden, die immer zuerst zum Hausarzt gehen oder sich von einem Ärztenetz versorgen lassen, mit dem die AOK Sonderverträge hat. Im Gegenzug seien ein Beitragsnachlass, ein spezieller Rabatt oder geringere Zuzahlungen im Gespräch, sagte AOK-Vorstandschef Hans Jürgen Ahrens der Zeitung "Die Welt".
Die Bonus-Modelle sind allerdings heftig umstritten. Während Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt Wahltarife begrüßte, wandte sich verdi-Chef Frank Bsirske dagegen. "Ich halte insgesamt wenig von Beitragsrabatten und Selbstbehalten, weil sie die Kosten insgesamt nicht senken, sondern nur umverteilen", sagte Bsirske. Die Kassenärzte meldeten Bedenken gegen den von der Barmer geplanten Bonus-Tarif für Gesundheitsbewusste an. "Ärzte sind keine Raucherpolizei für die Krankenkassen", sagte ein Sprecher der Kassenärztliche Bundesvereinigung der "Bild"-Zeitung.
Ministerin Schmidt steht vor allem dem TK-Tarif ablehnend gegenüber. Sie will Bonus-Modelle lieber daran knüpfen, dass Versicherte zum Beispiel regelmäßig zur Vorsorge gehen. Ähnlich wie beim Zahnersatz könnten sie dafür weniger bei Arzneien oder Klinikaufenthalt zuzahlen müssen. Schmidt will zudem daran festhalten, dass für die Mitglieder einer Kasse der gleiche Beitragssatz gilt. Sie will zudem nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" auch Kassenpatienten zur Behandlung bei spezialisierten Fachärzten im Krankenhaus zulassen. Bisher ist dies in der Regel Privatpatienten vorbehalten.
Unterdessen beschäftigt der Sparkurs der Krankenkassen zunehmend das Bundesverfassungsgericht. "Da klagen Kranke, meist in lebensbedrohlichem Zustand, die Kostenübernahme für Medikamente ein, die ihre Kasse aus Rechtsgründen nicht bezahlen will", sagte Verfassungsrichter Udo Steiner dem "Focus". Die Karlsruher Richter müssten klären, ob sie für Kassenversicherte "auf der Leistungsseite zu gewissen verfassungsrechtlichen Vorgaben" kommen müssen.

Arbeitgeberanteil begrenzen
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und der CSU-Gesundheitsexperte Horst Seehofer forderten erneut, den Arbeitgeberbeitrag zur Krankenkasse einzufrieren. "Bei der Reform des Gesundheitswesens können wir nicht alles über die Selbstbeteiligung regeln", sagte Seehofer. Hundt sagte gestern in Berlin, Selbstbehalte, Beitragsrückzahlungen und Kostenerstattungen sowie Bonus- und Malussysteme seien der "richtige Ansatz zu einer grundlegenden Reform der gesetzlichen Krankenversicherung". Nach seinen Vorstellungen müssten Eigenverantwortung und Wahlmöglichkeiten der Versicherten ausgebaut werden. "Wir brauchen eine Konzentration des Pflichtaufgabenkatalogs der Krankenkassen auf Kernleistungen", betonte der Arbeitgeberpräsident. Medizinisch nicht notwendige Leistungen oder überflüssige Untersuchungen dürften nicht mehr zu Lasten der Beitragszahler gehen. Hundt plädi erte dafür, den Arbeitgeberanteil für die Kassenbeiträge auf höchstens sechs Prozent festzuschreiben.
KBV-Sprecher Stahl kritisierte Überlegungen zur Einführung von Nikotin-Haartests oder auch die Übermittlung persönlicher Patientendaten. Die Grundidee, gesundheitsbewusstes Verhalten zu belohnen, sei allerdings richtig. "Wichtig ist, dass die Versicherten regelmäßig die Vorsorgeuntersuchungen nutzen."
(dpa/AFP/kr)