Von Jan Siegel

Eine junge Firma aus Wildau (Dahme-Spreewald) hat Ende vergangenen Jahres für weltweite Aufmerksamkeit gesorgt. Anfang Dezember wurde die Biomes NGS GmbH bei einem Gründerwettbewerb der größten asiatischen Online-Handelsplattform Alibaba unter Tausenden Anwärtern mit einem Exzellenz-Preis ausgezeichnet. Die Juroren des Amazon-Konkurrenten waren augenscheinlich überzeugt vom Produkt und der Geschäftsidee der Wissenschaftler aus Brandenburg. Dabei waren die Wildauer bei der Auszeichnungs-Gala am Alibaba-Stammsitz im chinesischen Hangzhou die einzigen Preisträger, die nicht aus Asien kamen.

Überzeugt hatte die Jury des Exzellenz-Wettbewerbs ein Selbsttest mit dem Namen Intest.pro. Es ist nach Angaben der Wildauer die erste Darmflora-Analyse ihrer Art auf dem Markt. Damit kann das Erbgut (DNA) aller bisher bekannten Bakterien, des sogenannten Mikrobioms, das in jedem menschlichen Darm eine spezielle Zusammensetzung aufweist, detailliert untersucht werden. Weil bei dem Verfahren die Gesamtheit des Erbguts erfasst wird, ist es den meisten herkömmlichen Labortests weit überlegen.

Die Bausteine der Bakterien

Bei der Untersuchung einer winzigen Stuhlprobe kommt ein erst seit wenigen Jahren eingesetztes Verfahren zum Einsatz, das unter dem Begriff Next-Generation Sequencing (NGS) zusammengefasst wird. Im Kern geht es dabei darum, die genetischen Bausteine der Bakterien im Darm ganz genau auszulesen. Und weil beim NGS-Verfahren die Millionen DNA-Abschnitte auch noch parallel untersucht werden, reichen drei Tage für die reine Sequenzierung – bei noch neueren Verfahren genügen wenige Stunden für die Analyse. Allerdings sind diese bisher qualitativ mit dem in Wildau angewendeten Verfahren nicht direkt vergleichbar und außerdem sehr teuer. Weil noch weitere Arbeitsschritte notwendig sind, dauert die gesamte Analyse einer Probe zwischen zwei und vier Wochen.

 Voraussetzung, um die Methode erfolgreich anwenden zu können, war die Fähigkeit zur Verarbeitung großer Datenmengen, die bei der Untersuchung ausgewertet werden müssen. Schlüssel der von den Wildauer DNA-Spezialisten entwickelten Methode ist letztlich die Verbindung ihres biologischen Wissens mit einer ausgeklügelten Datenanalyse. Entscheidendes Kapital ist dabei eine riesige Datenbank. Dort zusammengetragen haben die Wildauer Wissenschaftler zahllose genetische Profile von Bakterien. Dafür haben sie nach eigenen Angaben an die 6000 wissenschaftliche Publikationen ausgewertet und das Wissen in ihre Wissensdatenbank integriert.

Hilfe bei Darmerkrankungen?

Ihnen reicht ein winziges Stück benutzten Toilettenpapiers, um die Zusammensetzung des individuellen Mikrokosmos eines menschlichen Verdauungstraktes zu enträtseln. Ihre Erkenntnisse vergleichen sie mit Referenzwerten in ihren Datenbanken. Studien deuten darauf hin, dass die Darmbewohner im Zusammenhang stehen mit Darmerkrankungen, beispielsweise dem häufigen Reizdarmsyndrom oder Stoffwechselkrankheiten wie Diabetes.

Wichtig ist an dieser Stelle die Anmerkung, dass bei der Methode das zu Recht von Gesetzen besonders geschützte menschliche Erbgut nicht analysiert wird, sondern es ausschließlich um die DNA der geht, deren „Wirt“ ein jeder Mensch ist.

Der Selbsttest „Intest.pro“ wird zu Hause durchgeführt und den Datenanalysten per Post nach Wildau geschickt. Die individuelle Auswertung mit Informationen und personalisierten Ernährungshinweisen gibt es dann per gesichertem Online-Bericht via Internet. Dazu erhalten die Kunden eine E-Mail-Nachricht, wenn die persönliche Analyse online einsehbar ist.

Zusammenarbeit mit CTK Cottbus

Gründer und der Kopf hinter der Entwicklerfirma Biomes ist Dr. Paul Hammer. Der 36-jährige Berliner ist in Kaulsdorf aufgewachsen. Wer ihm zum ersten Mal begegnet, erlebt ihn als begeisterungsfähigen Wissenschaftler ganz ohne Allüren. Im Jahr 2002 begann er ein Studium für Biosystemtechnik und Systembiologie an der Technischen Hochschule in Wildau, forschte als junger Wissenschaftler bei der Max-Planck-Gesellschaft und arbeitete für seine Promotion in der Radiologie von PD Dr. Claus-Peter Muth auch am Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum.

 „Es war bei einem Mikrobiologie-Weltkongress in Paris, als mir klar geworden ist, welches Potenzial in der Analyse des Mikrobioms stecken kann“, erzählt Paul Hammer. Die Idee ließ ihn nicht mehr los, denn er ist einer, der für eine Idee brennt, wenn sie ihn einmal begeistert hat.

Hammer war nicht ganz unerfahren, was die Gründung eines Start-ups betrifft. Er hatte schon einmal eine Firma gegründet, war damit letztlich aber im Jahr 2015 gescheitert. „Ich hatte damals einfach nicht den richtigen Geschäftspartner“, erzählt er heute. Aber er habe dabei eben auch wichtige Erfahrungen sammeln können.

Dass er trotzdem im November 2017 mit der Gründung der Biomes NGS GmbH wieder an den Start gehen konnte, war nicht zuletzt der Technischen Hochschule in Wildau zu verdanken. Dort werden junge Gründer aktiv unterstützt. Im Fall von Paul Hammer und seiner Biomes NGS GmbH sind es vor allem bestens ausgestattete Labore und ihre teure Technik, die Hammer und sein Team nutzen. In Prof. Dr. Marcus Frohme, der auf dem Gebiet der molekularen Biotechnologie und funktionellen Genomik in Wildau forscht, fand der Gründer einen Mentor, der ihn tatkräftig unterstützt.

Firma will weiter wachsen

Starthilfe gab es auch vom Programm „Exist“-Forschungstransfer. Das Bundeswirtschaftsministerium und die EU unterstützen dabei „herausragende forschungsbasierte Gründungen, die mit aufwendigen und risikoreichen Entwicklungsarbeiten verbunden sind“. Dabei können sowohl die Gründer selbst wie auch die Hochschule gefördert werden, die ihnen mit ihrer Infrastruktur hilft.

Zusammen mit dem Gründer beschäftigt die Biomes GmbH heute 24 Mitarbeiter – davon acht Werkstudenten und Praktikanten –, und noch ist die Firma auf die Infrastruktur der Hochschule angewiesen. Entscheidend dafür sind die sehr hohen Kosten für Sequenzier-Systeme. Das sind hochmoderne Geräte zur Labor-Automatisierung und Analyse, die in der Lage sind, die Bausteine des Erbguts zu präparieren und zu lesen.

Paul Hammers wichtigstes Ziel ist es, sich in den kommenden zwei Jahren von der Hochschule abzunabeln und die Firma wirtschaftlich auf eigene Beine zu stellen. Ganz klar, die Wildauer Biowissenschaftler setzen auf Wachstum. Schon Ende 2019 plant die Firma mit 35 Mitarbeitern. „Einen großen Schritt wollen wir im nächsten Jahr tun“, erzählt Paul Hammer. Dann soll neben dem Hochschulcampus auch das neue „Zentrum der Zukunftstechnologien“ fertig gebaut sein. Die Biomes plant zur Sicherung ihres Wachstums den Umzug an einen größeren Standort mit rund 1000 Quadratmetern Labor- und Gewerbeflächen, am liebsten in Wildau. Dort soll künftig das Hauptquartier der Firma entstehen. Das neue „Zentrum der Zukunftstechnologien“ ist dabei für den Gründer eine interessante Option.

Neue Geldgeber gesucht

Ehe es aber soweit ist, brauchen Paul Hammer und seine Mitstreiter vor allem eines: frisches Geld. „Noch ,verbrennen‘ wir mehr als wir verdienen“, sagt der Gründer. Neben dem Aufbau des Teams ist daher eine seiner Hauptaufgaben die Sicherung der künftigen Finanzierung. „In den nächsten sechs Monaten müssen wir es schaffen, Kapital für die Weiterentwicklung der Firma heranzuschaffen“, sagt Hammer. Die Firma sei jetzt in einer wichtigen Zwischenphase, wo sich viel für die Zukunft entscheide.

Trotz des Drucks wirkt Hammer gelassen. Was die Suche nach Wagniskapital und Investoren betrifft, kann er schon auf einige Erfahrungen aus seiner ersten Firma zurückgreifen.

Er weiß genau, worauf es ankommt. „Du musst dich halt verkaufen“, sagt Hammer. Wenn er „verkaufen“ sagt, dann meint er in diesem Fall aber nicht, das Unternehmen abzugeben. „Das ist mein Baby und das soll es auch bleiben.“ Es geht vielmehr darum, sich zu präsentieren, um Geldgeber für sich und seine Geschäftsidee zu begeistern. Klar, und diese Investoren wollen mittelfristig verdienen und ihr Geld mit Gewinn wiedersehen.

„Für klassische Banken bist du erst interessant, wenn du profitabel bist“, erzählt Paul Hammer von seinen Erfahrungen. „Das ist aus meiner Sicht auch einer der Gründe, warum große Gründungen in Deutschland Seltenheitswert haben.“

Französischer Markt im Visier

Gleichzeitig arbeiten Hammer und sein Team an der Erschließung neuer Märkte. Neben den deutschsprachigen Ländern haben sie dabei die französische Kundschaft im Visier. Durch den Kontakt zu früheren Kommilitonen haben die Wildauer inzwischen auch einen Vertriebskanal nach Mexiko erschlossen.

Der Alibaba-Exzellenz-Preis für ihren „Intest.pro“ bringt den Wildauer Wissenschaftlern weltweite Aufmerksamkeit. Es ist nicht die erste. Auch in Israel standen sie schon als Preisträger eines internationalen Gründerwettbewerbs strahlend auf der Bühne.

Es kann diese weltweite Aufmerksamkeit sein, die den Wildauer Wissenschaftlern um Paul Hammer letztlich bei der Suche nach Investoren entscheidend hilft.

Das große Ziel steht: In den nächsten Jahren wollen sie mit dann etwa 60 Mitarbeitern ins neue Hauptquartier umziehen, vielleicht sogar als erste Mieter ins nagelneue „Zentrum der Zukunftstechnologien“ gleich neben ihrem Hochschulcampus.