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| 09:46 Uhr

Gestohlen, zertrümmert, zersägt, zerstückelt

FOTO: © FM2 - Fotolia.com
Cottbus.. Metalldiebe verunsichern zunehmendden Bahnverkehr in der Lausitz. Sie stehlen Buntmetall und legen damit Strecken lahm. In Finsterwalde-Massen verschwindet über Nacht eine Bronze-Skulptur. Und zwei Männer montieren in der Oberlausitz 72 Gullydeckel ab, um damit Geld zu machen. Vor allem die Bahn drängt auf mehr Prävention und fordert zudem härtere Strafen. Christian Taubert

Es ist eine uralte und weitverbreitete Redensart: Alles, was nicht niet- und nagelfest ist, wird mitgenommen. Nicht erst in der jüngsten Vergangenheit hat die Redewendung jedoch eine Abwandlung erfahren. Denn auch alles, was niet- und nagelfest ist, lassen die Metalldiebe mitgehen. Sie stehlen ohne Rücksicht auf Menschenleben, machen vor Kunst nicht halt, sind pietät- und skrupellos.

Es ist gerade zehn Tage her, da wurde über Nacht die Skulptur der Schwarzen Frau aus der Dorfmitte von Massen gestohlen. Nur noch die Fußabdrücke der 1,30 Meter hohen Bronze-Figur sind zurückgeblieben. Das Wahrzeichen der Gemeinde wurde am 1. Mai 2005 auf dem Dorfanger enthüllt. Jetzt haben es Unbekannte abgesägt. Die Kommune hat 8500 Euro dafür bezahlt.
Für den Pressechef des Potsdamer Polizeipräsidiums, Rudi Sonntag, ist dies ein Fall, der mehrere Hintergründe haben kann. Der Auftrag eines Sammlers komme hier ebenso infrage wie die Tat von Metalldieben. Letztere würden die Skulptur bis zur Unkenntlichkeit zertrümmern, zersägen und zerstückeln, um das Metall bei Schrotthändlern zu verkaufen. "Den tatsächlichen Wert erhalten sie dort nicht. Aber das spielt für sie offenbar keine Rolle", sagt Sonntag gegenüber der RUNDSCHAU.

In der Lausitz hat es in den zurückliegenden Wochen und Monaten immer wieder Diebstähle von metallischen Gegenständen gegeben. Zwar gebe es nach Aussage von Rudi Sonntag keine deutliche Zunahme der Straftaten. "Seit etwa fünf Jahren aber ist der Trend offensichtlich", er- läutert er mit dem Verweis auf gestiegene Weltmarktpreise vor allem bei Buntmetall. Dabei schrecken die Langfinger Mitte des Jahres auch nicht vor der Gefährdung von Menschen zurück.
So wurden auf dem Flugplatz in Rothenburg (Landkreis Görlitz) rund 20 Meter Kabel abmontiert, was die Befeuerungsanlage der Landebahn und der Rollwege außer Betrieb setzte. Rothenburg ist ein offizieller Verkehrslandeplatz, der auch als Ausweichflughafen für die Airports in Dresden und Berlin betriebsfähig gehalten werden muss. Der Ausfall der Befeuerungsanlage macht ein Landen bei Dunkelheit oder eingeschränkter Sicht unmöglich.

Auf der Bahnstrecke von Senftenberg nach Finsterwalde hat sich im September zwölf Stunden lang kein Rad mehr gedreht. Diebe waren bei Lipten (Oberspreewald-Lausitz) am Werk und hatten in der Nacht ein rund 100 Meter langes Bronzeseil von Bauteilen der Oberleitung an sechs Fahrleitungsmasten entfernt. Damit wurde die Strecke lahmgelegt. "Durch die Entlastung sind Betonmasten in Schräglage geraten und haben Risse davongetragen", erklärte ein Behördensprecher der Bundespolizei. Es werde wegen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr sowie des besonders schweren Diebstahles ermittelt, hieß es.
Gerade die Deutsche Bahn sieht sich aufgrund der Buntmetall-Diebstähle einem massiven Problem gegenübergestellt. Da die Überwachung alle Bahnstrecken unmöglich ist, setzt der Konzern inzwischen auf künstliche DNA, um seine Leitungen vor Metalldieben zu sichern. Zudem versucht man, sich mit Generalstaatsanwaltschaft und Bundespolizei zu verbünden und dringt auf eine abschreckendere Bestrafung der Diebe. "Wir wollen eine größere präventive Wirkung durch die Verurteilung von Buntmetalldieben durch die Gerichte", erklärt Gerd Neubeck in einem Pressebeitrag. Der Leiter für Konzernsicherheit der Bahn nennt als Grund dafür, dass sich das Strafmaß bisher noch häufig am reinen Materialwert orientiere. "Teilweise wurden Verfahren sogar wegen Geringfügigkeit eingestellt", sagt Neubeck.

Dabei habe es laut Bahn im Vorjahr rund 3000 Diebstähle gegeben, ein Zuwachs gegenüber 2010 von 50 Prozent. 11 000 Züge waren deshalb 2011 insgesamt 2500 Stunden verspätet. Neben Kupferkabeln wurden selbst Oberleitungen, die Starkstrom führen, gestohlen. "In diesem Jahr ist die Zahl der Fälle zwar rückläufig, aber die Verspätungen infolge der Metalldiebstähle sind insgesamt nicht zurückgegangen", erläutert Bahn-Manager Neubeck. Es müsse also mehr als bisher gegen "oft dieses Phänomen" getan werden. Größtes Manko bei Gerichtsverhandlungen sind demnach die - zu geringen oder zu späten - Angaben zu den Folgen. Hier wolle die Bahn verstärkt ansetzen.

Die Skrupellosigkeit der Metalldiebe kennt unterdessen längst keine Grenzen. Da werden Gräber auf Friedhöfen verwüstet und Grabsteine und -lichter mitgenommen. Da sind neuerdings auch Auspuffanlagen von Lieferwagen ein Objekt der Begierde. Und in der Oberlausitz haben vor anderthalb Wochen zwei Männer im Alter von 20 und 41 Jahren 72 Gullydeckel gestohlen. Streifenpolizisten waren auf den verdächtig tief liegenden Pkw aufmerksam geworden. Im Kofferraum fanden die Beamten acht der gestohlenen Gullydeckel. Bei Altmetallhändlern hatten sie für die gesamte Beute etwa 500 Euro eingestrichen. Für den Potsdamer Polizei- sprecher Rudi Sonntag lassen sich die Fälle dennoch nicht alle in eine Schublade schieben. Wenn komplette Edelstahltüren aus Toilettenhäuschen auf Autobahnen im Osten Brandenburgs herausgerissen wurden, dann sei dies nicht mit jenen Gullydeckeln in Görlitz vergleichbar. "Die Türen sind nie mehr aufgetaucht, trotz schneller und umfassender Fahndung", erklärt Detlef Lüben, Sprecher der Polizeiinspektion Oder-Spree/Frankfurt (Oder). Da der Materialwert viel zu gering gewesen sei, um die Türen als Schrott zu verkaufen, "gehen die Spekulationen natürlich in Richtung Auftragsdiebstahl", sagt Lüben.

Die Polizeibeamten sind sich zudem einig, dass Altmetallaufkäufer schon genau wüssten, was ihnen da angeboten werde. Für ein Kilogramm Kupfer werden zurzeit etwa 5,50 Euro gezahlt. Der Erlös für Rotguss (mit Kupferanteil) liegt bei etwa drei Euro pro Kilogramm. Und bei Eisen gibt es für die Tonne zwischen 80 und 160 Euro. "Was bei uns ankommt, ist so zerkleinert und unkenntlich gemacht, dass nur schwer ersichtlich ist, woher die Ware stammt", erklärt Schrotthändler Ralf Waizenhöfer aus Forst (Spree-Neiße). Er frage allerdings nach. Und wenn er undurchsichtige Antworten erhalte, "dann lehne ich ab". Waizenhöfer berichtet auch von telefonischen Testanrufen potenzieller Verkäufer, die nach einer entsprechenden Nachfrage seinerseits "nie mehr von sich hören lassen