Es ist eine kleine, fast zarte Geste. Seite an Seite stehen die beiden Präsidenten in der zerstörten Kirche von Oradour und reichen einander unmerklich die Hand. Die Linke von Bundespräsident Joachim Gauck ruht so in der Rechten des französischen Staatschefs François Hollande - während beide mit den Schrecken der gemeinsamen Geschichte konfrontiert werden.

In Oradour ist es still, gespenstisch still. Die Spätsommersonne brennt auf die liebliche Landschaft, als Gauck und Hollande sich von Robert Hébras das Massaker schildern lassen. Der 88-Jährige ist einer der beiden letzten von gerade mal sechs Überlebenden.

Hébras führt noch immer Besucher durch das "Dorf der Märtyrer", in dem 642 Menschen am 10. Juni 1944 von der SS ermordet wurden. Gauck schweigt zunächst. Im Schatten der "Feuereiche", die wie durch ein Wunder den Brand überlebt hat, hält die kleine Gruppe kurz inne. Sie betreten die Ruine der Kirche, in der allein etwa 400 Frauen und Kinder ums Leben kamen. Dann gehen die Gäste durch die leeren Straßen des Dorfes, die nur von Fassaden und Ruinen gesäumt werden. Nicht viel wurde hier verändert seit Kriegsende, alles zum Gedenken für die Nachwelt konserviert.

Dann stellt Gauck die Frage: "Warum Oradour?" Mit letzter Sicherheit wird niemand dies beantworten können. Klar ist nur, dass die SS hier bewusst und mit grauenvoller Präzision Terror gegen die Zivilbevölkerung ausgeübt hat.

Auch für Hollande sind dieser Ort und seine Geschichte etwas Besonderes. Nicht nur als Präsident sieht er einen "symbolischen Tag der Geschichte", an dem die Verbrechen der Vergangenheit anerkannt werden, um die Zukunft anzugehen. An diesem Ort gelte es "über die Schrecken des Krieges hinauszuwachsen, um den Frieden zu gestalten".

Hollande ist politisch in der Gegend verwurzelt. Zur zentralen Region Limousin gehört Oradour genauso wie das etwa 100 Kilometer entfernte Tulle, wo Hollande bis 2008 Bürgermeister war. Unmittelbar vor dem Massaker von Oradour hängten Soldaten derselben SS-Panzerdivision 99 Menschen in Tulle auf.

Auf französischer Seite wurde der Besuch in Oradour in einer Linie gesehen mit der Versöhnungsgeste von Verdun, zu der sich 1984 der damalige Präsident François Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Kohl trafen.

Beim Besuch in Oradour ist Vergangenheitsbewältiger Gauck ganz in seinem Element. Er nimmt das Wort von der "Kollektivschuld" auf und verurteilt die Unfähigkeit der Deutschen, nach den Verbrechen der Nazi-Herrschaft zu ihrer Verantwortung zu stehen. Die fehlenden juristischen Konsequenzen geißelt er. "Ich teile Ihre Bitterkeit", sagt Gauck, "dass Mörder nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, dass schwerste Verbrechen ungesühnt blieben."

Es dauerte bis zum Jahr 2004, als Gerhard Schröder (SPD) als erster Bundeskanzler die Bürger von Oradour um Verzeihung bat für das Massaker einer "entfesselten, unmenschlichen Waffen-SS". Und so lobt Gauck die Generation der 68er, die Schluss gemacht habe mit Verdrängung und Ignoranz. Er steht vor den Überlebenden von Oradour als Vertreter eines "anderen Deutschlands", und er leitet daraus eine Verpflichtung ab: Europa müsse weitergebaut werden, auf der Grundlage von Freiheit und Menschenwürde, so kompliziert das manchmal auch sein möge.

Zum Thema:
Am Nachmittag des 10. Juni 1944 erreichte die dritte Kompanie des SS-Regiments Oradour und riegelte das Dorf ab. Die Menschen wurden zunächst auf dem Marktplatz im Zentrum des Ortes zusammengetrieben. Frauen und Kinder schlossen die Soldaten in der Kirche ein. Die Männer wurden in mehreren Scheunen zusammengepfercht. Die SS-Soldaten brannten schließlich sämtliche Gebäude in Oradour nieder. Einige der Opfer wurden erschossen, die meisten verbrannten. 642 Menschen kamen um. In einem Prozess in Frankreich wurden 1953 auch aus dem Elsass stammende zwangsrekrutierte Soldaten der Einheit zu Haftstrafen verurteilt. Nach Protesten im Elsass erließ die Nationalversammlung ein Amnestiegesetz. In Oradour wurden deswegen lange Zeit keine Offiziellen empfangen. Der "Mörder von Oradour", Zugführer Heinz Barth, musste sich als einziger Täter vor einem deutschen Gericht verantworten. Er lebte lange unerkannt in der DDR und wurde dort 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt. 1997 wurde Barth entlassen, 2007 starb er.