Als Dirk Rolka mit Bekannten nach einem Segelboot auf Lausitzer Gewässern suchte, stieß er in Dänemark auf eines mit einer offenbar ganz besonderen Geschichte. Aus den Unterlagen ging hervor, dass es sich um ein Beiboot der "Wilhelm Gustloff" handelt, wie der 45-Jährige erläutert. Am 30. Januar ist es 70 Jahre her, dass das Kreuzfahrtschiff in der Ostsee versank.

Die Gruppe erwarb 2012 das zur Jacht umgebaute Segelboot, restaurierte es und stellte es einem Förderverein in Hoyerswerda (Kreis Bautzen) zur Verfügung. Derzeit entstehe ein Nutzungskonzept für Schulklassen, die mit dem Boot mit dem heutigen Namen "Seabreeze" segeln können. "Geschichte zum Anfassen" nennt es Rolka.

Die "Sea breeze" wird als Segelschul- und Eventschiff in der Region in See stechen. Jugendliche können unter Anleitung Bord- und Segelmanöver, Knoten und Teamarbeit lernen.

Zudem sieht das Konzept vor, verschiedene Touren auf Wasser und Land anzubieten. Die Natur des Lausitzer Seenlandes können Kinder zukünftig beispielsweise beim Wandern mit einer Schatzkarte entdecken oder bei "Piratentouren" auf die Suche nach dem großen Schatz des Lausitzer Seenlandes gehen. Diese Touren werden über freie Träger angeboten oder können direkt durch Schulen und Jugendeinrichtungen gebucht werden. Anfang April soll die "Seabreeze" in Geierswalde wieder zu Wasser gelassen werden.

Zwar sei der Liegeplatz für die kommende Saison nach einigen zähen Verhandlungen mittlerweile gesichert, jedoch fehle noch ein eigener Steg. Dafür hofft der Förderverein derzeit auf Unterstützer, welche die aufwertende Bedeutung des Segelbootes für den Geierswalder See erkennen und sich an der Finanzierung beteiligen wollen.

Der Untergang der "Wilhelm Gustloff" gilt als die größte Seefahrt-Katastrophe der Neuzeit. Das Kreuzfahrtschiff, zunächst von der nationalsozialistischen Organisation "Kraft durch Freude" für NS-Ferienprogramme genutzt, war während des Krieges als Lazarettschiff und Truppentransporter, zuletzt als Flüchtlingsschiff eingesetzt. Es sollte Flüchtlinge von Ostpreußen westwärts bringen. In der Hafenstadt Gotenhafen (Gdynia) in der Danziger Bucht legte es am 30. Januar 1945 ab, ein sowjetisches U-Boot griff es mit Torpedos an. Das Schiff sank sehr schnell. Vor der polnischen Küste liegt es heute als geschütztes Seekriegsgrab 42 Meter tief auf dem Meeresgrund. Mehr als 9000 Menschen kamen nach Schätzungen ums Leben, darunter viele Frauen, Kinder und verwundete Soldaten.

Der Historiker Bill Niven von der Nottingham Trent Universität in England hält diese Größenordnung für wahrscheinlich. "Strikt gesehen ist die genaue Zahl aber nicht aufgeklärt." Das liegt dem Historiker des Deutschen Marinebunds, Jann Witt, zufolge auch daran, dass das Schiff überfüllt war. "Da wurde reingestopft, was ging, die Flüchtlinge saßen sogar im Schwimmbad des Schiffes." Und es gebe keine vollständigen Passagierlisten, erläutert Witt das Problem.

Niven, Herausgeber des Sammelbands "Die Wilhelm Gustloff" (2011), sieht noch Klärungsbedarf, was die Geschichte des Schiffes angeht. Die Grundlagen habe der inzwischen gestorbene Zeitzeuge Heinz Schön mit zahlreichen Büchern gelegt.

"Er ist der Chronist", sagt auch Historiker Witt. Außer durch Schön sei die Geschichte der "Gustloff" in Deutschland jahrzehntelang nicht aufgearbeitet worden. "Es gab vielfach die Befürchtung, dass die Auseinandersetzung mit den deutschen Kriegsopfern die deutsche Schuld relativieren könnte", sagt Witt. Er sieht eine Veränderung, seitdem der Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass seine Novelle "Im Krebsgang" (2002) vorlegte, die das Schicksal der "Gustloff" aufgreift.

Ob das jetzt in Hoyerswerda liegende Beiboot damals an Bord der "Gustloff" war, als das Schiff torpediert wurde, sei nicht geklärt, sagt Rolka. Jetzt ist es über den Winter in einer Halle in einem Industriegebiet untergebracht. Lautes Schleifen ist aus dem Inneren des knapp zwölf Meter langen Bootes zu hören. Im August sei es bereits auf einem See für Piraten-Freizeiten von Kindern genutzt worden, erzählt Rolka .

Als das Segelboot im Sommer erstmals in der Lausitz zu Wasser gelassen wurde, seien auch "Gustloff"-Zeitzeugen dabei gewesen. "Erst dann ist mir wirklich bewusst geworden, mit was wir es zu tun haben", berichtet Rolka. Einige der betagten Gäste baten darum, für ein paar Minuten alleine auf dem Boot sein zu können. Um sich von ihren Angehörigen, die bei der Schiffskatastrophe ums Leben kamen, zu verabschieden.