"Manchmal denke ich, es waren Träume." Nicht bitter, sondern ratlos erzählt der heute 70-jährige Ekkart Neudeck vor der Kamera von seinem Schicksal. Er kam im Jahr 1946 im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen nördlich von Berlin zur Welt, auf dem Gelände des ehemaligen Nazi-Konzentrationslagers. Er weiß heute: Er war nicht das einzige Kind. Die Mütter waren dort inhaftiert worden. Oft reichte dafür schon ein Verdacht oder eine Denunziation. Dass sie schwanger waren, interessierte niemanden.

Im Dokumentarfilm "Geboren hinter Gittern. Kinderschicksale in der Nachkriegszeit" schildern Betroffene ihren Leidensweg und die verlorene Kindheit. Solche Lager existierten unter anderem in Buchenwald bei Weimar, im sächsischen Torgau sowie in Sachsenhausen (Oberhavel), Jamlitz (Dahme-Spreewald) und Mühlberg (Elbe-Elster).

In den Nachkriegsjahren wurden dort zwischen 200 bis 300 Kinder geboren. Mehr als 100 Schicksale sind bekannt. "Die Dunkelziffer ist aber hoch", sagt Filmautor Hans-Dieter Rutsch, der sich seit Langem mit Nachkriegsgeschichte beschäftigt.

Im August 1945 hatte der sowjetische Geheimdienst NKWD das Speziallager Nummer sieben in das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen verlegt. Eingesperrt wurden nach Angaben der Stiftung brandenburgische Gedenkstätten meist Funktionäre des NS-Regimes. Aber auch politisch Missliebige landeten dort: ohne Urteil.

Bis zur Auflösung im März 1950 wurden den Angaben zufolge rund 60 000 Menschen inhaftiert, etwa 12 000 starben an Unterernährung und Krankheiten. Die dort geborenen Kinder existierten offiziell nicht. "Es gab keine Unterlagen, keine Geburtenbücher", sagt Rutsch. Geburtsurkunden wurden oft Jahre später ausgestellt.

Die Mutter von Alexander Latotzki, geboren 1948 im Zuchthaus Bautzen, sah ihr Kind erst als Neunjährigen im Westen wieder, wohin die beiden abgeschoben wurden. Sie musste unter Eid erklären, dass er ihr Sohn sei, erzählt der 68-Jährige.

Dass die Kinder überlebten, grenzt aus heutiger Sicht an ein Wunder. Es gab keine medizinische Versorgung bei der Geburt, Babynahrung oder Windeln fehlten. Kalk wurde von den Wänden gekratzt und in die Fläschchen gefüllt, wenn die Säuglinge zahnten. Erst mit einem Museum über Speziallager nach der Wende in Sachsenhausen wurde öffentlich, was dort geschah. Gezeigt wird unter anderem eine winzige orginale Babyausstattung: Gefertigt von Mithäftlingen aus der Kleidung von Toten. Oder kleine Nuckelfläschen.

Annemarie Link hat bis 2014 nicht über ihre Herkunft gesprochen. Sie weiß heute, so erzählt sie es in dem Dokumentarfilm, dass ihre Mutter bei der Geburt starb und eine andere inhaftierte Frau sich ihrer annahm. Erst als 14-Jährige habe sie ihre wahre Herkunft erfahren - und dass sie im Knast geboren wurde, wie sie unter Tränen sagt.

Die Pflegemutter musste wie andere Entlassene eine Erklärung unterschreiben, bis ans Lebensende nicht über die Erlebnisse zu sprechen. "Es sind Geschichten, die man nicht glaubt. Doch: Betroffene sinnen nicht auf Rache. Niemand ist verbittert", sagt Filmemacher Rutsch. Die einstigen Lager-Kinder treffen sich einmal im Jahr, um über ihr gemeinsames Schicksal zu sprechen.

Annemarie Link ist immer noch auf der Suche nach jemanden, der ihre leibliche Mutter kannte. In der Potsdamer Stasi-Gedenkstätte Leistikowstraße hat sie sie zumindest in einer Liste ihren Namen - Gerda Musold - gefunden. Auch ihre Pflegemutter Erna Dachs war als Häftling erfasst.

"Geboren hinter Gittern.

Kinderschicksale in der Nachkriegszeit", (Ausstrahlung heute, 1. März, um 23.15 Uhr im rbb)