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Gescheiterter Versuch einer Integration

Mohammad H. hat augenscheinlich die Tür zum Friseur- und Kosmetiksalon eingeschlagen. Die Mordkommission hat in der Nacht zu Donnerstag den Tatort gesichert.
Mohammad H. hat augenscheinlich die Tür zum Friseur- und Kosmetiksalon eingeschlagen. Die Mordkommission hat in der Nacht zu Donnerstag den Tatort gesichert. FOTO: Birgit Rudow
Herzberg. Donnerstagmittag in Herzberg. Auf dem Marktplatz werden die ersten Stände des Wochenmarktes abgebaut. In der Mönchstraße, die direkt zum Markt führt, ist kaum ein Mensch zu sehen. Nichts lässt hier auf die dramatischen Ereignisse vom Vorabend schließen. Birgit Rudow

Nur ein mit rotem Textmarker auf Papier geschriebenes Schild an der Tür des Friseursalons: "Aus betrieblichen Gründen erst ab 14 Uhr geöffnet". Michael F. ist allein im Geschäft. Seine Frau, die Inhaberin des Friseur- und Kosmetiksalons, ist am Mittwochabend von ihrem syrischen Angestellten Mohammad H. mit einem Rasiermesser angegriffen und schwer verletzt worden. Michael F. kommt gerade aus dem Krankenhaus. "Es geht ihr besser. Sie hat die Operation an Hals und Bauch gut überstanden", sagt er. Ständig klingelt sein Telefon. Freunde und Verwandte erkundigen sich danach, wie es seiner Frau geht.

Was genau sich gegen 17 Uhr am Mittwoch in dem Kosmetikstudio auf dem Hof des Hauses abgespielt hat, das weiß auch Michael F. noch nicht. Eine Kundin sei wohl noch drin gewesen, als der Mitarbeiter mit dem Messer auf seine Chefin losgegangen ist. Ein anderer Syrer soll die Hilferufe gehört und sich dem Landsmann in den Weg gestellt haben. Von einem handfesten Streit, der der Tat vorausgegangen sein könnte, weiß er nichts. Michael F. will nicht spekulieren und die Ermittlungen der Polizei und der Staatsanwaltschaft überlassen.

In letzter Zeit, so berichtet er, habe es aber Probleme mit Mohammad H. gegeben. Dabei hatte vor einem Jahr alles so gut angefangen. Ilona F. hatte das Geschäft ihrer Mutter in Schönewalde übernommen und ein weiteres in Herzberg gerade eröffnet. Über die Arbeitsverwaltung ist sie auf Mohammad H. aufmerksam geworden. Er war aus Damaskus geflohen. Dort hatte er, wie er damals selbst berichtete, zwei Friseursalons betrieben. Beide wurden durch den Krieg zerstört. In Herzberg suchte der Syrer eine Arbeit als Friseur. Ilona F. war von den Fähigkeiten des damals 38-Jährigen begeistert. Sie nahm sich seiner an, gab ihm einen Job in ihrem Salon. Die Familie konnte ihm sogar eine Wohnung im Haus vermieten.

Mohammad H. galt selbst bei der Arbeitsvermittlung in Elbe-Elster als Musterbeispiel der Integration. Die RUNDSCHAU hat im August vergangenen Jahres über ihn berichtet. Der Syrer zeigte sich sehr dankbar, wollte rasch die deutsche Sprache lernen und seine Familie, seine Frau und zwei Kinder, möglichst schnell nach Herzberg nachholen.

Ilona und Michael F. hatten viel mit Mohammad H. vor. Wie der Herzberger berichtet, wollten sie in ihrem Salon die Tradition des Rasierens auf hohem Niveau wieder aufleben lassen. Mohammad sei geschickt darin gewesen. Sie hätten extra einen Barbierstuhl angeschafft. Mohammad hätte ihnen versprochen, etwas Besonderes aus dem Geschäft zu machen, erzählt Michael F. Gehalten habe er sein Versprechen allerdings nicht.

In den letzten Wochen habe sich der Syrer sehr verändert, sagt Michael F. Er habe echte Integrationsprobleme gezeigt. Deutsch habe er kaum noch gelernt. Seine Familie sei noch nicht nachgekommen, berichtet er. Auch im Laden habe es zunehmend Probleme gegeben. Mohammad H. sei es schwergefallen, sich unterzuordnen. Er habe kaum noch etwas auf die Reihe bekommen.

In den vergangenen 14 Tagen habe der Syrer sehr verbittert auf ihn gewirkt, berichtet Michael F., der sich mit Menschen, die gravierende Probleme haben, auskennt. Er betreut ehrenamtlich Drogen- und Alkoholsüchtige und brauche ihnen nur in die Augen zu schauen. Er habe auch mit seiner Frau darüber gesprochen. Doch sie habe "in ihrer unendlichen Güte und Großherzigkeit" an Mohammad H. festgehalten, sagt der Ehemann. "Ich bin immer noch der Überzeugung, dass es zu 100 Prozent richtig ist, anderen Menschen zu helfen. Aber wir müssen uns eingestehen, dass unsere Integrationsversuche in diesem Fall gescheitert sind", so Michael F.

Dass ihr syrischer Kollege zu so einer Tat fähig ist, konnten sich Diana Maftei und Kathrin Müller, Angestellte des Friseur- und Kosmetiksalons, nicht vorstellen. Sie sind Donnerstag ins Geschäft gekommen, um Michael F. zu unterstützen. Beiden ist der Schreck über das Geschehene deutlich anzusehen. Sie hätten Mohammad H. auch schon sehr aggressiv erlebt. "Aber wir konnten ihn immer schnell beruhigen", so Kathrin Müller. "Dass er so etwas macht, und dann noch bei der Chefin, hätte niemand von uns gedacht", ist Diana Maftei auch am Tag danach noch sichtlich schockiert.