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Geschändetes Andenken

Unbekannte haben in der Nacht zu gestern in Cottbus eine Gedenktafel auf einem jüdischen Friedhof mit einem Hakenkreuz beschmiert. Mit Teer und Farbe besudelt wurden zwei Stolpersteine auf einem Gehweg in der Bahnhofstraße, fünf weitere wurden gestohlen. Die Steine erinnern an jüdische Bewohner der Stadt, die von den Nazis ermordet wurden. Die Polizei geht von einem rechtsextremistischen Hintergrund aus. Das Entsetzen über die Taten ist groß, aber auch die Entschlossenheit, sich dagegen zu wehren. Von Wolfgang Swat

In der Bahnhofstraße im Zentrum von Cottbus dröhnt am Vormittag der Verkehr wie immer. Auf den Fußwegen hasten Menschen ihren Zielen entgegen. Vor dem Haus Nummer 51 müssen sie einer weiß-roten Warnbake ausweichen. Passanten nehmen sie kaum war, laufen achtlos an dem Hindernis vorbei.
Wer es beiseite schiebt, entdeckt, was es verbirgt: Gedenksteine aus Messing. Teer ist über dieses Andenken gekippt worden, ein Hakenkreuz mit weißer Farbe darüber geschmiert. Die Stolpersteine sind Erinnerung an Adele und Georg Schlesinger. Georg Schlesinger betrieb im Haus Nummer 51 ein Möbelgeschäft. 1942 wurden er und seine Frau ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und später im Vernichtungslager Treblinka vergast. Georg Schlesinger war bis zur Verschleppung Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Cottbus. Nur elf Häuser weiter ist das Loch auf dem Trottoir bereits zugepflastert. Hier erinnerten fünf Stolpersteine an die Familie Hammerschmidt, die schon im 19. Jahrhundert eine angesehene Anwaltskanzlei inne hatte.
In einem kleinen Park in der Straße der Jugend säubert am Vormittag ein Mann des städtischen Park- und Grünanlagenbetriebes eine Gedenktafel. Sie erinnert daran, dass hier einmal ein jüdischer Friedhof war, der durch nazistischen Rassenwahn in der Zeit von 1933 bis 1945 geschändet und zerstört worden ist.
„Was nur geht in den Köpfen von Leuten vor, die so etwas machen?“ , murmelt der Arbeiter und schüttelt den Kopf, während er mühsam das Symbol der Naziherrschaft und des Massenmordes beseitigt.
Entsetzen herrscht bei der Jüdischen Gemeinde in Cottbus die inzwischen wieder 360 Mitglieder zählt. Ein Mitglied des Vorstandes reagiert verzweifelt: „Diese Schmierereien verbreiten Angst und Schrecken.“ Aus diesem Grund bittet er darum, seinen Namen nicht zu veröffentlichen.
Bundestagsabgeordneter Steffen Reiche (SPD), der Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Brandenburg ist, hat Verständnis dafür. „Diejenigen, die heute meinen, Gedenktafeln beschmieren und Stolpersteine stehlen zu können, haben offenbar keine Vorstellungen von dem tödlichen Nazi-Terrorsystem.“
Der amtierende Oberbürgermeister von Cottbus, Holger Kelch (CDU), zeigt sich „schwer getroffen von den antisemitischen Schmierereien“ . Es sei besonders bitter, dass am Tag der Eröffnung des 16. Festivals des osteuropäischen Films in Cottbus internationale Gäste mit Rechtsextremismus und Antisemitismus konfrontiert werden, so Kelch weiter. Offensichtlich frustriere die Rechtsextremisten die gewaltige Gegendemonstration der Demokraten, die es am Sonnabend in Halbe geben werde. „Sie lassen Luft ab, weil sie Widerstand spüren.“ Die Stadt werde Maßnahmen ergreifen, um solchen Attacken wirksam zu begegnen, versichert der amtierende Oberbürgermeister.
Die Initiatoren der Stolperstein-Aktion in Cottbus, Gudrun Breitschuh-Wiehe (Bündnis 90/Die Grünen) versichert: „Jeder Stolperstein wird ersetzt. Wir lassen nicht zu, dass das Andenken an die ehemaligen jüdischen Mitbürger verdrängt und beschmutzt wird.“
Vor drei Wochen waren in Cottbus schon einmal zwei Stolpersteine entwendet worden. Sie werden laut Breitschuh-Wiehe am 29. November erneuert. In Frankfurt (Oder) hatten Neonazis vor wenigen Tagen Blumen niedergetreten, die dort zum Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 an einer Gedenktafel für die zerstörte Frankfurter Synagoge niedergelegt worden waren.