Zunächst sollte man zurückblicken: Am Abend nach der Bundestagswahl pöbelte er in der "Berliner Runde" der Elefanten alles andere als kanzlerwürdig herum. Sein ganzer Frust über die Berichterstattung der Wochen zuvor und die "vermachteten Medien" entlud sich, Angela Merkel musste sich anhören, dass sie niemals Kanzlerin werden würde. Es kam bekanntlich anders. Das war vor zwei Jahren, und auf den Tag genau wagte sich Gerhard Schröder gestern mal wieder aus der Ecke hinein ins ungeliebte Berliner Getümmel. Zufall? Wohl kaum. Er hadert immer noch - und manchmal konnte man den Eindruck haben, er hadert immer mehr.
Der Altkanzler wird als "Altbundeskanzler" vorgestellt. Das mag Gerhard Schröder, frisch frisiert, schon mal gar nicht. Man sieht, wie es missfallend in seinem Gesicht zuckt. Ausgerechnet am Jahrestag der letzten Bundestagswahl, seiner persönlichen Schicksalswahl, setzt er sich für eine Buchvorstellung auf ein Podium im Haus der Bundespressekonferenz. Wohl wissend, dass die ungeliebte Journaille von einst Mann für Mann antreten wird, um ihn genau zu beobachten, um ihn vielleicht zu ärgern - und etwas zu belächeln.
Das hat Kalkül: In den letzten Tagen hat sich Schröder bereits zu Wort gemeldet und sich für den SPD-Vorsitzenden Kurt Beck stark gemacht. Dann hat er Edmund Stoiber medienwirksam in Wolfratshausen getroffen. Sein Mitteilungsbedürfnis ist wieder gewachsen. Jetzt, zwei Jahre nach dem Anfang seines Endes im Kanzleramt, ist eine gute Gelegenheit, im Berliner Ring auch noch ein paar Dinge zurechtzurücken.

Gewachsenes Mitteilungsbedürfnis
Sein Freund und kritischer Begleiter Michael Müller von der Parteilinken zieht seit 20 Jahren durchs Land und warnt vor den Folgen des Klimawandels. Müller ist SPD-Staatssekretär im Umweltministerium, nun ist er auch Herausgeber der deutschen Buchversion des "UN-Weltklimareports". Gerhard Schröder hält die Einführung, ungewöhnlich genug. Nach ein paar lobenden Worten für Müller beginnt die Selbstbespiegelung: Der Autokanzler von einst lobt sich, die rot-grüne Umwelt- und Energiepolitik, er warnt vor der Abkehr vom Atomausstieg und übersieht, dass er es war, der schärfere Abgasnormen für die deutsche Autoindustrie zu verhindern wusste.

Der Feind ist ausgemacht
"Gelegentlich ist in Vergessenheit geraten", leitet er einige seiner Sätze ein. Da kämpft jemand um sein Erbe, da will jemand nicht nur der Hartz-IV-Kanzler sein, über dessen Reformagenda 2010 innerparteilich gestritten wird. Es geht um Lebensleistung, man spürt es. Der Feind ist ausgemacht, auch bei diesem Auftritt: Es sind die, die in der SPD nicht so loyal gewesen sind, "wie ich mir gewünscht hätte". Und es sind die, die ihn damals angeblich weggeschrieben haben: "Ich kenne euch", sagt er grinsend. Er werde keine Fragen beantworten, betont der Niedersachse. Er weiß ja, was kommen würde - alles außer Klimapolitik: die Lage der SPD, das Ansehen seiner Nachfolgerin, sein lukratives, russisches Engagement. Schröder wäre aber nicht Schröder, wenn er nur dabeisäße. Zumal es die Journalisten über Umwege versu chen: Müller wird ketzerisch gefragt, ob die Verhinderung der Klimakatastrophe eine ähnliche Herausforderung sei wie 2005 die Verhinderung einer Kanzlerin Merkel. "Der intellektuelle Durchschnitt hat sich nicht verändert", greift Schröder ein. Ohnehin seien kritische Fragen an die jetzige Bundesregierung ja "nicht mehr üblich".

Zum Thema Breite Zustimmung in SPD zur Programmvorlage
 In der SPD stößt der überarbeitete Entwurf für ein neues Grundsatzprogramm auf breite Zustimmung . Trotz stärkerer Betonung von SPD-Traditionswerten in dem neuen Text begrüßte auch der Reformflügel die Vorlage. "Der Entwurf integriert und schärft das Profil der SPD", sagte gestern der designierte Partei-Vize Frank-Walter Steinmeier . Die SPD präsentiere sich in dem neuen Programm "nahe bei den Menschen" und traditionsbewusst. Sie verweigere sich aber auch nicht neuen Antworten.