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Geraubten Büchern auf der Spur

FOTO: Bodo Baumert
Bautzen. Es ist wie ein Kriminalfall, ein Kriminalfall mit Büchern. Robert Langer, Wissenschaftler aus Ohorn in Sachsen, ist der Kommissar in diesem Fall. Das Verbrechen: Raub. Es geht um Bücher, von den Nazis im Dritten Reich geraubt. Jüdische Bücher, Sammlungen, die einst Menschen gehörten, die dann enteignet, vertrieben, ermordet wurden. Bodo Baumert

Um einen Fall zu lösen, ist der Wissenschaftler, ähnlich wie ein Kriminalkommissar, auf Indizien angewiesen. Die ersten Indizien im aktuellen Fall waren kleine Zeichen in Büchern. Ein großes T, darunter ein E und G. "Diese Provenienz ist mir schon häufiger bei meiner Arbeit begegnet, ich konnte sie aber zunächst nicht zuordnen", erläutert Robert Langer. Er vermutet die Sammlung einer Adelsbibliothek, die zu Beginn der DDR teilweise aufgelöst und in den Bestand der öffentlichen Bibliotheken eingespeist wurden. Listen, welche Bücher wohin kamen, gibt es kaum. Auch wurde oft versucht, die Spuren, also die Provenienz der Bücher, zu verwischen. Aufkleber oder Vermerke wurden entfernt. Das macht die Suche des Provenienzforschers umso schwerer.

Es ist ein Zufallsfund, der den Wissenschaftler schließlich auf die richtige Fährte bringt. Eigentlich will er eine Ausstellung für den Tag der offenen Tür am kommenden Wochenende vorbereiten. Dafür stöbert er im umfangreichen Magazin der Bibliothek und stößt auf ein kleines Bändchen. Darin wurden die Herkunftsmerkmale nicht so gut verschleiert, wie in vielen anderen Fällen. Robert Langer findet einen Stempel: "Hans Hermann Tietz, Berlin-Grunewald, Königsallee 71".

Jetzt ist der Forscherdrang geweckt. Er sucht nach Literatur über die Familie Tietz und wird fündig. Die jüdische Kaufmannsfamilie, aus deren Warenhauskette später der Konzern Hertie wurde und denen unter anderem das KaDeWe in Berlin gehörte, war von den Nazis "arisiert", ihre Büchersammlung vom Reichsinnenministerium aufgekauft worden.

Robert Langer stößt auf den Aufsatz einer Kollegin. Nach Leipzig hätten die Bücher der Familie Tietz gebracht werden sollen, wenn nicht die Wirren der letzten Kriegsjahre dies erschwert hätten. Die Forscherin geht davon aus, dass die Bücher von der Sowjetarmee beschlagnahmt und irgendwo nach Russland verbracht wurden. Mit andern Worten, sie gelten als verschollen.

Robert Langer kann das nun widerlegen. Er nimmt die Hinweise auf und sucht in den Bautzener Beständen. Treffer. Rund 500 Bücher, die vermutlich der Sammlung Tietz zugehörten, finden sich im Magazin. Und auch das geheimnisvolle Siegel ergibt plötzlich einen Sinn. ETG - Edith und Georg Tietz, die Besitzer der Sammlung. Volltreffer. Robert Langer kontaktiert das Zentrum Kulturgutverluste, das sein Forschungsprojekt finanziert und sich deutschlandweit um die Suche und Rückgabe geraubter Kulturgüter kümmert. Die Koordinierungsstelle hilft bei der Kontaktaufnahme mit den Erben der Familie Tietz. "Ich freue mich über jedes Buch, das wir zurückgeben können", sagt Bautzens Bürgermeister Alexander Ahrens. Jedes restituierte Buch sei ein kleiner "Sieg über das Unrecht, das viel zu lange keine Beachtung gefunden hat".

Fall gelöst. Die Spur der Bücher lässt sich nun zumindest teilweise rekonstruieren. 1933 wird das Unternehmen Hertie, benannt nach Namensgeber und Gründer Hermann Tietz, von den Nazis "arisiert". Mit Georg Karg wird auf Druck des Staates und der Deutschen Bank ein Verwalter an die Spitze von Hertie gesetzt, die jüdische Familie Tietz aus dem Unternehmen gedrängt. Sie flüchtet aus Deutschland. Ihr Besitz wird später unter dem Vorwand kommunistischer Propaganda beschlagnahmt, dann versteigert. Die bedeutende Büchersammlung des Ehepaares Edith und Georg Tietz erwirbt 1944 die Reichstauschstelle und lagert sie in sächsischen Außendepots in der Nähe von Bautzen ein. Ein geplanter Weitertransport nach Leipzig wird aufgrund des nahen Kriegsendes nicht mehr vollzogen. Wie die Bücher dann in den Bestand der Bautzener Bibliothek kamen, muss nun noch erforscht werden - wie auch die Spur vieler weiterer Bücher. Rund 4500 Bände umfasste die Sammlung Tietz einst.

Fall gelöst? Längst noch nicht. Gerade einmal 500 Bücher haben Robert Langer und seine Mitarbeiterin bisher entdeckt. Ob sie sich alle eindeutig der Sammlung Tietz zuweisen lassen, bleibt abzuwarten. Denn frühere Mitarbeiter der Bibliotheken haben Hinweise auf die Herkunft der Bücher sorgsam vernichtet. Siegel wurden herausgerissen oder überklebt, handschriftliche Hinweise ausradiert. Ein Nachfolgeprojekt ist bereits beantragt. "Die Stadt wird die Arbeit nach dem Fund noch stärker unterstützen", kündigt Bautzen Bürgermeister an.

Zum Thema:
Die Provenienzforschung widmet sich der Geschichte der Herkunft, sprich der Provenienz, von Kunstwerken und Kulturgütern. Mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung durch 44 Staaten gewann die Forschung 1998 an enormer Bedeutung. Die Unterzeichnerstaaten, auch Deutschland, haben sich unter anderem verpflichtet, Kunstwerke, die in der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, in ihren Beständen ausfindig zu machen und deren rechtmäßige Eigentümer zu suchen. In Magdeburg wurde als zentrale öffentliche Einrichtung die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste eingerichtet.