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Geräusche, Gerüche und Existenzangst

Ein Streitpunkt von vielen für den Nachbar: DIe Anzahl der Schafe hinter dem Hofladen von Sylvia Varadi, der sie und ihren Mann ernährt.
Ein Streitpunkt von vielen für den Nachbar: DIe Anzahl der Schafe hinter dem Hofladen von Sylvia Varadi, der sie und ihren Mann ernährt. FOTO: Wendler
Kolkwitz. In einem Dorf kämpft ein Nachbar seit acht Jahren juristisch gegen ein kleines Gewerbe. Die Betroffenen sehen ihre Existenz bedroht. Simone Wendler

Sylvia Varadi ist eine Frau, die aussieht, als könne sie so leicht nichts umhauen. Buntes Kleid, Strickjacke, offenes Lachen. Die 55-Jährige lebt mit ihrem Mann Laszlo und ihrem betagten Vater in Klein Gaglow, einem Ortsteil der Gemeinde Kolkwitz im Spree-Neiße-Kreis auf einem alten Bauernhof.

Vor fast zehn Jahren begann das Ehepaar mit dem mühsamen Aufbau eines kleinen Geschäftes: Imbiss, Partyservice und Hofladen für ungarische Spezialitäten und regionale Produkte. Auch kleine Feiern richten sie aus.

Doch inzwischen bangen sie um ihr Geschäft, von dem sie bisher leben konnten. "So wie die Lage ist, können wir nicht weitermachen", sagt Sylvia Varadi. Ihr Mann formuliert drastischer: "Wenn das so weitergeht, wird unser Geschäft vernichtet."

Grund der Existenzangst der beiden ist ein mehrjähriger Rechtsstreit, den ihr Nachbar gegen das Gewerbe führt. Er ist Jurist, arbeitet im öffentlichen Dienst und soll in dieser Geschichte Klaus S. heißen. Die Gesetze und Vorschriften, um die es bei den Auseinandersetzungen um den Hofladen geht, kennt er durch seine Arbeit.

Klaus S. fühlt sich durch Gästelärm und Küchengerüche von dem Nachbargrundstück unzumutbar belästigt. Die Urteile, die seine Klagen am Verwaltungsgericht Cottbus erzeugt haben und der Schriftwechsel mit dem Spree-Neiße-Kreis als zuständiger Behörde sind zu einem ansehnlichen Berg gewachsen.

"Hier laufen inzwischen mehr Mitarbeiter von Ämtern über den Hof als Gäste", sagt Sylvia Varadi. Als Grundstückseigentümerin ist sie "Beigeladene" bei jeder Klage gegen den Kreis. Dazu kommen die vom Kreis angeordneten Einschränkungen zur Tätigkeit auf dem Hof.: "Das geht an unsere Substanz."

Klaus S. sagt auf Nachfrage, er wolle nur, dass die gewerbliche Nutzung so eingeschränkt werde, "dass ein vernünftiges Wohnen" möglich sei. Ein Blick in die Akten lässt jedoch den Schluss zu, dass ihn fast alles auf dem Nachbargrundstück stört.

Zunächst geht Klaus S. gegen die Baugenehmigung des Spree-Neiße-Kreises für die Nutzung eines Nebengebäudes als Laden und Gastraum vor. Vor dem Verwaltungsgericht Cottbus unterliegt er im Herbst 2016. Es gebe keine unzumutbare Beeinträchtigung, so die Richter.

Klaus S. nimmt das nicht hin. Beim Oberverwaltungsgericht Berlin Brandenburg hat er die Zulassung der Berufung gegen dieses Urteil beantragt. Bis darüber entschieden ist, kann sich das Ehepaar Varadi nicht wirklich sicher sein, dass die Genehmigung bestehen bleibt.

Mit seinem Vorgehen gegen die Hofnutzung unter einem Partyzelt hat Klaus S. im Frühjahr 2017 Erfolg. Der Landkreis Spree-Neiße verfügt, das von der Familie auch privat genutzte vier mal sechs Meter große Zelt muss abgerissen werden. Schon vorher gab das Verwaltungsgericht Cottbus einer weiteren Klage von S. statt und verurteilte den Landkreis dazu, den Betrieb einer Räucherkammer auf dem Grundstück zu untersagen.

Die spezielle Kalträucherei selbst gemachter Wurst sei aber ein wesentliches Standbein ihres Geschäftes, hält Sylvia Varadi dagegen. "Wir ziehen jetzt ein mobiles Räuchergerät auf ein anderes Grundstück im Dorf, um weiter arbeiten zu können." Die Schlepperei der Würste sei eine hohe Belastung: "Das kann nur eine Notlösung sein."

Inzwischen geht Klaus S. beim Kreis weiter gegen das Geschehen auf dem Varadi-Grundstück vor. In dessen hinterem Teil steht ein Dutzend Schafe auf einer Koppel. Klaus S. will das nicht hinnehmen. Das sei "gewerblich" und deshalb genehmigungsbedürftig. "Das Blöken ist unerträglich, der Mist stinkt", begründet er sein Vorgehen gegen die Schafhaltung.

Und auch ein kleines Holzdach, drei mal drei Meter groß, über einer Abstellecke und von seinem Grundstück aus nicht einsehbar, war ihm ein Dorn im Auge. Der von ihm auf die fehlende Baugenehmigung dafür aufmerksam gemachte Kreis forderte den Abriss. Das Ehepaar Varadi entfernte das Dach.

Bei anderen Dorfbewohnern stößt das Verhalten von Klaus S. auf Unverständnis. "Hier fühlt sich niemand gestört, außer ihm", sagt eine Anwohnerin der Straße. "Da wird alles zerstört, was sich Sylvia und ihr Mann aufgebaut haben." Ortsvorsteherin Ursula Kühn bezeichnet die Situation der Familie Varadi sogar als "unerträglich".

Die Grundstücke im Ort seien immer auch gewerblich und landwirtschaftlich genutzt worden, sagt Kühn. Dass da auch Tiere gehalten werden und auf den Höfen zusammengesessen werde, sei dörflicher Alltag: "Hier feiert doch keiner Orgien." Zum Himmelfahrtstag hatte die Gemeinde dem Hofladen eine Sondergenehmigung erteilt. Damit konnte an diesem Tag vor dem Grundstück Bier ausgeschenkt werden.

"Das ist ein Unding, was hier passiert", empört sich auch Fritz Handrow (CDU), der für Klein Gag-low zuständige Kolkwitzer Bürgermeister. Dass das Verwaltungsgericht Cottbus in seinen Entscheidungen den Ortskern von Klein Gaglow als "allgemeines Wohngebiet" ansieht, löst bei ihm nur Kopfschütteln aus. Schon in den 90er-Jahren seien für alle Ortsteile Flächennutzungspläne aufgestellt worden, in welchen die Dorfkerne als Mischgebiete verzeichnet seien.

In den meisten Ortsteilen der Gemeinde gebe es inzwischen auch wieder Handwerk, Kleintierhaltung und Landwirtschaft: "Das ist gewollt, das gehört zum dörflichen Leben." Auseinandersetzungen wie um den Hofladen in Klein Gaglow gebe es sonst nirgends. Handrow will jetzt mit dem Kreis als Genehmigungsbehörde reden, damit die Festlegung von Klein Gaglow als Mischgebiet anerkannt wird. Das würde die rechtliche Position der Familie Varadi, so Handrow, verbessern.

Zum Thema:
Im Brandenburger Landtag hat sich die Gruppe BVB/Freie Wähler des Hofladenproblems in Klein Gaglow angenommen und eine Anfrage dazu an das Ministerium für Infrastruktur und Landesplanung eingebracht. Das Ministerium bestätigte jedoch nur, dass die zuständige Behörde des Landkreises ihren Job erledigt. Die Freien Wähler sehen im Umgang des Landkreises mit dem Hofladen eine Schikane. (sim)