Weil das Bündnis auf dem Gipfel in Bukarest Georgien nicht in seine Reihen aufgenommen habe, sei Russland zum Einmarsch in das Nachbarland ermutigt worden. "Russland hat Bukarest als neues München angesehen", sagte Saakaschwili. Niemand in der politischen Szene musste orakeln, was mit "München" gemeint war. Vor 70 Jahren teilten die Regierungschefs von Deutschland, Italien, Frankreich und Großbritannien die hilflose Tschechoslowakei auf. Das "Münchner Abkommen" war der vorweggenommene Startschuss zum Zweiten Weltkrieg.

Mit der Sicherheit der Deutschen in der Tschechoslowakei hatte Adolf Hitler sein Vorgehen gegen den Nachbarn begründet. Immer wieder würde es Übergriffe auf die Minderheit geben, die Sudetendeutschen, benannt nach dem böhmischen Gebirgszug, seien ihres Lebens nicht sicher. "Es gab in der Tschechoslowakei keine kollektiven Minderheitenrechte. Aber für die damalige Zeit war das Zusammenleben relativ friedlich", sagt der Münchner Historiker Martin Zückert. So hätten 90 Prozent im öffentlichen Leben Deutsch sprechen können, auch in Schule und Verwaltung. "Es war bestimmt nicht die Eintracht, wie die Tschechen sie beschrieben", sagt Zückert. "Es war aber ganz sicher nicht die Unterdrückung, wie die Nazis sie darstellten."

Vermittler MussoliniDennoch lief eine regelrechte Kampagne gegen die Regierung in Prag. Die Regierungschefs in Großbritannien und Frankreich, Neville Chamberlain und Édouard Daladier, sahen sich gezwungen, mit Hitler zu verhandeln. Als "ehrlicher Makler" trat Benito Mussolini auf. "Ein Ergebnis unserer Konferenz ist die Entzauberung des italienischen Führers", sagt Zückert nach einer Tagung mit 90 Wissenschaftlern aus zehn Ländern in München. "Mussolini hatte, im Gegensatz zu dem, was man manchmal noch liest, handfeste Interessen. Er wollte die Region destabilisieren, um sich später selbst zu bedienen."

Nicht mit am Tisch saßen die Tschechen. "Über uns, ohne uns", heißt es noch heute über das "Münchner Diktat". Trotz mehrerer Abkommen über den Schutz der Tschechoslowakei stimmten Chamberlain und Daladier letztlich der Abtrennung des Sudetenlandes mit seinen gut 3,6 Millionen Bewohnern, darunter 700 000 Tschechen, zu. "Dieses Papier bringt uns den Frieden", hatte Chamberlain auf dem Londoner Flughafen, mit dem "Münchner Abkommen" wedelnd, gesagt. Doch das Sudetenland erlebte keinen Frieden, der seit fünf Jahren erprobte Unterdrückungsapparat schlug mit aller Macht zu. Und schon im März 1939 marschierte die Wehrmacht in die "Resttschechei" ein, ein halbes Jahr später begann der Zweite Weltkrieg.

Die "Appeasement-Politik" gilt seitdem als so etwas wie die politische Bankrotterklärung der Demokratien gegenüber Hitler. Noch heute wird mit dem Verweis auf die Beschwichtigungstaktik von 1938 Politik gemacht. "Ganz so einfach kann man es sich mit den Appeasern nicht machen", sagt der Historiker Jürgen Zarusky. "Es war kein Bluff Hitlers, er wollte Krieg und hätte ihn geführt." Wie ein 1938 begonnener Zweiter Weltkrieg ausgesehen hätte, vermag keiner zu sagen. Klar ist aber, dass Hitler kurz vor dem Überfall auf Polen sagte: "Ich habe nur Angst, dass mir noch im letzten Moment irgendein Schweinehund einen Vermittlungsplan vorlegt."

Neues aus russischen ArchivenUnd noch eines hat die Münchner Wissenschaftler-Tagung zutage gebracht. "Das Hilfsangebot der Sowjetunion gegenüber Prag war Taktik. "Die Russen hätten nicht nur strategische Probleme gehabt wie den Durchmarsch durch Polen oder Rumänien, auch der Wille zu helfen war gar nicht da", sagt Zarusky. Das habe der Historiker Sergej Slutsch nachgewiesen. Aus den Aktenschränken im früheren Ostblock seien auch fast 20 Jahre nach dem Mauerfall noch Neuigkeiten zu erwarten. "Die Archive in Russland sind zwar nicht mehr so offen wie vor zehn Jahren, aber auch die dortigen Historiker bohren weiter in der eigenen Geschichte."

Der Schock über "München" saß und sitzt bei den Tschechen noch immer tief. Als 30 Jahre später wieder die Souveränität des kleinen Landes platt gewalzt wurde - diesmal von russischen Panzern - antworteten die Tschechen mit scharfem Humor: "Frage an Radio Jerewan: Ist es richtig, dass die sowjetischen Panzer auf Wunsch der Bevölkerung durch Prag rollen?" Antwort: "Im Prinzip ja. Das Hilfsersuchen von 1938 wurde 1968 positiv beschieden."