Die Bauern in der Region Forst im Spree-Neiße-Kreis wollen in diesem Jahr erstmals auf knapp 100 Hektar (ha) genmanipulierten Mais anbauen. "Wir kommen am Gen-Mais nicht vorbei", ist der Chef des Kreisbauernverbandes, Egon Rattei, inzwischen überzeugt. Der Maiszünsler, ein Schädling, der die Stängel der Pflanze befällt und sich später bis in die Kolben frisst, vernichte örtlich bis zu 70 Prozent der Ernte, so seine Begründung. "Diese Schäden können wir angesichts des globalen Wettbewerbs nicht hinnehmen", argumentiert Rattei. "Der Gen-Mais ist so verändert, dass er die Larve des Zünslers abtötet", erklärt er. Ratteis Agrargenossenschaft in Forst will ihr erstes Experiment auf 15 Hektar starten. Dabei lassen die Forster Landwirte durchaus noch "besondere Vorsicht" walten. "Das Feld wird inmitten einer größeren Fläche liegen, damit möglichst ein Übertrag von Gen-Mais auf Nachbarfelder verhindert wird", so Rattei.

Der Anbau von manipuliertem Saatgut ist in Deutschland höchst umstritten. Anfang März hatten bundesweit über 5000 Menschen für eine gentechnikfreie Landwirtschaft demonstriert. Umweltverbände machen gegen die Laborzüchtung mobil. Thomas Janoschka vom Aktionsbündnis für eine gentechnikfreie Landwirtschaft Berlin-Brandenburg ist der Meinung, dass eben nicht nur der Maiszünsler vernichtet, sondern auch viele nützliche Insekten Schaden nehmen würden. Auskreuzungen etwa auf Bio-Mais seien nicht auszuschließen, negative Folgen für Imkereien ebenfalls zu befürchten. Die umweltpolitische Sprecherin der Linkspartei.PDS im Potsdamer Landtag, Caroline Steinmetzer aus Finsterwalde, warnt vor möglichen ökologischen und gesundheitlichen Risiken, wenn Gen-Mais ins Tierfutter und die Nahrungskette komme. "Einmal freigesetzte Erbanlagen können nicht zurückgeholt werden."

Auch unter den Bauern ist das Legen des manipulierten Saatgutes des amerikanischen Konzerns Monsanto jetzt im Frühjahr umstritten. Der brandenburgische Bauernbund, die Standesvereinigung der bäuerlichen Familienbetriebe, kritisiert, dass die Gen-Mais-Verfechter ihren Betrieb nicht im Griff hätten. "Der schädliche Maiszünsler lässt sich normalerweise mit ackerbaulichen Methoden erfolgreich bekämpfen", ist der Vizepräsident des Bauernbundes, Bringfried Wolter, überzeugt.

Das bestreitet der Chef des konkurrierenden Deutschen Bauernverbandes (DBV) im Kreis Spree-Neiße, Egon Rattei, nicht. Allerdings sei damit ein "unverhältnismäßig hoher Aufwand verbunden", verteidigt er das Freilandexperiment in seinem Forster Betrieb und im Kreisverband. Es gehe darum, auch in der Landwirtschaft die Wissenschaft konsequenter zu nutzen. "In dieser Hinsicht herrscht in Deutschland eine überzogene Vorsicht", so Rattei. Deshalb rechne er "mit Aktionen" von Umweltorganisationen.

Die Agrargenossenschaft in Wiednitz bei Hoyerswerda hat nach dem Anlauf im vergangenen Jahr eine geringfügige Erweiterung des Anbaus in diesem Frühjahr im Auge. Geschäftsführer Frank Groba hält sich mit Erfahrungen sehr bedeckt. Er wolle darüber nicht in der Presse diskutieren, weil es genug Skeptiker gebe. Seine Genossenschaft produziere unter schwierigen Standortbedingungen. "Wir müssen unseren Weg gehen", so Groba.

Auf diesem Weg ist der erste Schritt getan. Knapp 1800 Hektar sind gegenwärtig in Deutschland für den Anbau von genmanipuliertem Mais angemeldet. Das ist sechsmal mehr als 2005. Es fällt auf, dass die großen Agrarbetriebe in den neuen Bundesländern die meisten Flächen beim Bundesamt für Verbraucherschutz angemeldet haben. In Brandenburg wollen 41 Betriebe den Anbau wagen, in Sachsen 17. Im vergangenen Jahr waren es in den beiden Bundesländern zusammen nur 17. In der Lausitz und der Elbe-Elster-Region konzentrieren sich die Anbauflächen neben Wiednitz in Sachsen in Gemarkungen um Forst sowie Falkenberg und Herzberg (beide Elbe-Elster).

Die Politik hält sich deutlich zurück. "Wir werden nicht mehr gefragt, ob wir es gut oder schlecht finden", sagt der Sprecher des brandenburgischen Landwirtschaftsministeriums, Jens-Uwe Schade. "Wer es machen will, muss es tun." Seitens des Ministeriums gebe es keine finanzielle Unterstützung für die gentechnikfreien Zonen im Spreewald, in der Uckermark oder im Märkisch-Oderland, unterstreicht Schade die Neutralität des Fachressorts. Er warnt aber davor, sich in die Abhängigkeit von wenigen Saatgutbetrieben zu begeben. Holger Brantsch vom märkischen Landesbauernverband spricht sich für ein Nebeneinander von herkömmlichem und genmanipuliertem Maisanbau aus. "Jeder muss nach seiner Fasson glücklich werden." Unglücklich sind die Landwirte mit den gegenwärtig ungelösten Haftungsregelungen für den Fall einer Übertragung von gentechnisch verändertem Material auf Nachbarfelder. Derzeit müssen Bauern, die Gen-Pflanzen anbauen, für Verunreinigungen bezahlen, wenn kein Verursacher gefunden wird. Das gilt unabhängig vom Verschulden. Solange die Fragen nicht gelöst seien, rate der DBV vom Anbau ab, heißt es in einer Erklärung. Brantsch fordert, dass sich die Saatgutbetriebe an einem Haftungsfonds beteiligen. "Die Bereitschaft dazu ist gegenwärtig gleich null", beschreibt er die Situation.

Für den Potsdamer Ministeriumssprecher Jens-Uwe Schade ist in dieser Beziehung klar: "Haftung kann nicht zulasten der Steuerzahler gehen."

Hintergrund: Bt-Mais schützt sich gegen den ZünslerDem Mais, der sich gegen den Befall des Maiszünslers selbst schützt, wurde im Labor ein Gen eingebaut, das die Bildung eines Eiweißes aus dem Bacillus thuringiensis (Bt) steuert. Bt ist ein Bodenbakterium.

Laut Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter waren im vergangenen Jahr in Deutschland mehr als 400 000 Hektar vom Maiszünsler befallen. Das ist ein Viertel der gesamten Anbaufläche.

Im Standortregister des Bundesamtes für Verbraucherschutz www.standortregister.de sind die für den Anbau von Bt-Mais vorgesehenen Flächen veröffentlicht.

Im vergangenen Jahr waren von den Landwirten in Deutschland 1000 Hektar angemeldet. Angebaut wurde Gen-Mais dann aber nur auf 340 Hektar.

In diesem Jahr sind im Standortregister über 1760 Hektar ausgewiesen. Spitzenreiter ist Brandenburg mit rund 860 Hektar vor Mecklenburg-Vorpommern (370 Hektar) und Sachsen (260 Hektar).