Herrnhut befindet sich direkt an der B 178 zwischen Bautzen und Zittau. Die für die Oberlausitz typischen Umgebindehäuser gibt es hier nicht. Stattdessen prägen neu restaurierte, weiße Barockhäuser das Stadtbild. In Herrnhut ist einiges anders. Der Friedhof heißt hier Gottesacker, auf dem alle Grabsteine ebenerdig liegen. Alljährlich sendet der kleine Ort Botschaften in die Welt - die berühmten Herrnhuter Losungen. Die Stadt ist in Deutschland auch für seine Adventssterne bekannt. Das Leben in Herrnhut ist allseits vom Glauben der Freikirche geprägt.
Immer Freitagabend halten die Mädchen und Jungen der evangelischen Jugendgruppe eine 20-minütige Andacht, die von ihnen selbst gestaltet wird. Anschließend diskutieren die Schüler religiöse Themen. Die Jugendlichen fühlen sich in der Gruppe ihrer Glaubensangehörigen wohl. "In der Brüdergemeine gibt es ein großes Gemeinschaftsgefühl, auch weit über Herrnhut hinaus", beschreibt David seine Empfindungen. Der 23-Jährige nimmt schon seit fast zehn Jahren an den Jugendtreffen teil, freut sich immer darauf und lässt keinen Nachmittag ausfallen.

Großer Zusammenhalt in der Unität
"In ganz Deutschland wird man von den anderen Unitäts-Mitgliedern freundlich und immer mit offenen Armen empfangen", beschreibt David seine Erfahrungen. Auch in Herrnhut ist das nicht anders. Der junge Mann kam erst mit 13 Jahren in die Oberlausitz, vorher lebte er in Berlin. "Die Mitglieder der Herrnhuter Brüdergemeine sind ganz besondere Menschen", lobt Angeline das angenehme Klima der Freikirche. Auch Ingo Dolata fühlt sich in der Brüdergemeine wohl. Der hauptamtliche Jugendarbeiter kümmert sich seit vielen Jahren um die jungen Menschen im Ort und ist bei den Schülern voll akzeptiert. "Kinder und Jugendliche spielen in der Unität eine ganz wichtige Rolle. Hier ist Platz für junge Leute", betont er. Während sich die Frauen und Männer der Religionsgemeinschaft mit "Bruder" und "Schwester" anreden, sprechen sich die Jugendlichen beim Vornamen an. Mit dem Altersunterschied zu ihrem Betreuer haben die Schüler keine Probleme - im Gegenteil. "Das generationsübergreifende Miteinander macht unser Zusammenleben in der Brüdergemein e aus", erzählt Jakob. "Alte, junge und behinderte Menschen bilden hier eine Gemeinschaft. Das ist in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich", ergänzt der 18-Jährige. Jugendarbeiter Ingo Donata zog mit 18 Jahren nach Herrnhut. "Ich wurde hier sehr gut aufgenommen, die Brüdergemeine ist wie eine große Familie." Das bestätigt auch Daniel: "Das menschliche Miteinander ist einfach wunderbar, hier fühle ich mich wohl." Der 19-Jährige sagt, dass vor allem die eigene Dienstbereitschaft, die jeder in die Gemeinschaft einbringt, die Brüdergemeine auszeichnet. "Wenn ich einmal Probleme habe, wird mir hier geholfen", ergänzt er.
In Herrnhut gibt es für die jungen Leute eine Vielzahl religiöser Angebote. Sonntags findet ein Jugendspaziergang statt, auch gemeinsame Ausflüge, Kino- oder Kochabende werden für die Schüler organisiert, die das Angebot gern wahrnehmen. "Das Gemeindeleben prägt die ganze Woche und ist eine Bereicherung in meinem Leben", sagt David.

Für jeden Tag eine Losung
Ein wichtiger Bestandteil im Gemeindeleben sind die auch weit über die Brüder-Unität hinaus bekannten Herrnhuter Losungen. Bereits 1728 begannen die Einwohner Losungen in die Häuser zu tragen. Aus dieser Tradition entstanden die Herrnhuter Losungen, die seit 1731 jährlich neu herausgegeben werden. Das Andachtsbuch wird mittlerweile in 50 Sprachen übersetzt und verbindet die Christenheit in der ganzen Welt. Während Ingo Dolata jeden Morgen eine Losung liest, schaut Josephine nur gelegentlich in das Andachtsbuch. „Ich lese sie nicht so oft“ , gibt die 15-Jährige zu.
Auch die anderen Jugendlichen haben nicht immer die Zeit, sich mit den Losungen zu beschäftigen. Die gemeinsamen Treffen lassen sie aber nicht ausfallen. „Wir kommen gern hierher, alle verstehen sich super“ , spricht Josephine im Namen der Gruppe.
Herrnhut ist der Ursprungsort der weltweiten Evangelischen Brüder-Unität. Die Stadt wurde 1722 von protestantischen Glaubensflüchtlingen gegründet. Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760) nahm 1722 Vertriebene aus Mähren auf seinem Berthelshofer Gut auf. Die Verbannten gründeten unter der "Obhut des Herrn" die Siedlung Herrnhut.
Das kleine Dorf wuchs schnell und verzeichnete in den folgenden Jahren großen Zuzug. Unter Zinzendorfs Leitung fanden hier überzeugte Christen aus verschiedenen Konfessionen zu einer Lebens- und Glaubensgemeinschaft zusammen. Daraus entstand die Herrnhuter Brüdergemeine. "Wir sind eine offene und liberale Kirche - ohne eigenes Glaubensbekenntnis", erklärt Pressesprecher Thomas Przyluski die auch heute noch geltende Grundeinstellung der Brüder-Unität.

800 000 Mitglieder auf der Welt
Aus einer umfangreichen Missionsarbeit entstanden selbstständige Unitäts-Provinzen auf der ganzen Welt. Die Glaubensgemeinschaft hat derzeit rund 800 000 Mitglieder. "Die Brüdergemeine zeichnet sich durch eine weltweite Verbundenheit aus", erzählt Sprecher Thomas Przyluski. In Deutschland bekennen sich mehr als 6300 Menschen zur Brüder-Unität. Hier zu Lande gibt es 17 Gemeinden, unter anderem in Bautzen, Niesky und Kleinwelka. Von den rund 1500 Einwohnern Herrnhuts sind derzeit 450 Mitglieder in der Evangelischen Freikirche.