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Gemeinsam statt allein - Was Tröglitz vom Nachbarn lernen kann

Tröglitz/Hohenmölsen. Tröglitz und Hohenmölsen - zwei Orte im Süden Sachsen-Anhalts, die sich seit Monaten auf die Ankunft von Flüchtlingen vorbereiten. In Hohenmölsen packen viele mit an. In Tröglitz zwingen NPD-Proteste den Bürgermeister zum Rücktritt. Was lief hier schief? Franziska Höhnl

Auf den ersten Blick haben Hohenmölsen und Tröglitz viel gemeinsam. Beide Orte im Süden Sachsen-Anhalts sind klein und stehen vor der großen Herausforderung, erstmals eine Flüchtlingsunterkunft einzurichten. Beide liegen im Burgenlandkreis, nur 15 Kilometer auseinander. In Hohenmölsen werden die ersten 58 Asylbewerber am Mittwoch erwartet, nach Tröglitz sollen im Mai 40 Flüchtlinge kommen.

Doch nur Tröglitz geriet Anfang März bundesweit in die Schlagzeilen. Von der rechtsextremen NPD angeführte Proteste gegen die Unterkunft zwangen den ehrenamtlichen Bürgermeister Markus Nierth zum Rücktritt. Der parteilose Politiker zog die Notbremse, weil nach persönlichen Anfeindungen eine asylfeindliche Demo genau vor seinem Haus genehmigt wurde. Drei Wochen sind seither vergangen, bundesweit wurde über einen besseren Schutz von Lokalpolitikern diskutiert.

Am Dienstagabend informierte Landrat Götz Ulrich (CDU) auf einer Einwohnerversammlung in Tröglitz über die Pläne zur Asylbewerberunterkunft. Gut 500 Menschen fanden sich im örtlichen Kulturzentrum ein, unter ihnen Nierth. Dutzende Fragen musste Ulrich beantworten - und er räumte auch Fehler ein. "Ich schließe nicht aus, dass ich und einige andere Verantwortliche im Vorfeld nicht ausreichend den Bewohnern zugehört haben", sagte der CDU-Politiker. Er habe aus dem Fall Tröglitz gelernt.

Die NPD hatte das Thema Flüchtlinge im knapp 2700 Einwohner zählenden Tröglitz besser besetzen können als im fast benachbarten Hohenmölsen, in dem die Pläne eher bekannt waren. Was lief in Hohenmölsen besser?

"Der Unterschied ist schon, dass Markus Nierth mehr oder weniger alleine war, wir haben das Thema gleich auf einer breiten Basis angepackt", sagt Andy Haugk, der Bürgermeister von Hohenmölsen. Die Unsicherheit, die Skepsis, die Ablehnung, das alles gebe es auch in der 10 000-Einwohner-Stadt. "Aber es haben sich auch früh engagierte Vereinsvorstände gemeldet, Bürger, die Spenden sammeln und Deutschkurse anbieten wollten."

Daraus entstand eine Bürgerinitiative "Willkommen in Hohenmölsen". 20 Engagierte sind fest dabei. Sie wollen die Tristesse der Unterkunft kompensieren. Sie schnüren Willkommenspakete mit Stadtplänen und Einkaufschips, planen Feste. Sie seien eine große Hilfe bei der Vorbereitung, sagt Haugk. Sie organisierten Runde Tische, um Ärzte, Bürger, Schulen und Läden auf die neuen Nachbarn einzustimmen. Und sie organisierten einen "Tag der offenen Tür" im Asylbewerberheim, noch bevor die Bewohner eintreffen.

Rund 200 Menschen kamen. Der grau-braune Plattenbau, früher Teil einer Kaserne ist hoch eingezäunt. In den kleinen Zimmern stehen Stockbetten, quadratische Tische mit zwei Stühlen, ein Schrank, etwas Kochgeschirr. Dazu ein Waschraum, eine Gemeinschaftküche. "Wir waren neugierig und wollten mal gucken", sagt Besucher Mario Dotschkal. Anfangs sei er auch skeptisch gewesen, die Unterkunft war Stadtgespräch. "In ein paar Wochen redet da keiner mehr drüber, da ist es normal", glaubt er. "Wenn etwas Neues kommt, sorgt das doch immer erstmal für Aufregung."

Auch der Sprecher der Bürgerinitiative, Frank Leder, hofft das Beste. Warum es in seiner Stadt keine Gegenproteste gab wie in Tröglitz? Mit Sicherheit vermag der 34-Jährige das nicht zu sagen. "Vielleicht waren wir einfach schnell genug, so dass die NPD keine Chance sah." Vielleicht, weil die Stadt größer sei und sich schneller engagierte Hilfe fand. Alles perfekt sei auch hier nicht. "Was in Tröglitz auf der Straße passierte, passiert bei uns in den sozialen Netzwerken", sagt Leder. Viele asylfeindliche Kommentare müssten er und sein Team auf der Facebook-Seite der Initiative beantworten, entkräften.

Die Initiative in Hohenmölsen könnte auch ein Vorbild für Tröglitz werden. Pfarrer Matthias Keilholz, der dort als Gegenpol zu den asylfeindlichen Protesten wöchentlich zu Gebeten und Gesprächen in die Kirche einlud, sieht erste Anzeichen dafür. "Ich merke immer mehr Rückhalt." Deswegen hofft Keilholz, dass die Tröglitzer die Chance nutzen, um konkrete Initiativen zu planen - und die traurigen Schlagzeilen hinter sich zu lassen.