Skepsis über die Ämterteilung oder gar Kritik am Kanzler war aus den Reaktionen der Delegierten auf die Reden Schröders und Münteferings nicht abzulesen. Für Müntefering fiel der Beifall vielleicht eine Spur herzlicher und kräftiger aus, aber wirklich messbar war das nicht. Der erste Stimmungstest an der Parteibasis nach Schröders überraschender Ankündigung, den Parteivorsitz an Müntefering abzugeben, kann als gelungen gelten.
Der Kanzler, in der Vergangenheit auf einem SPD-Parteitag in Bochum schon einmal kräftig abgewatscht, zeigte sich kämpferisch. Mit weit ausholenden Gesten stellte er sein umstrittenes Reformprogramm in die sozialdemokratische Tradition. "Wir sind es immer gewesen, die Stand gehalten und die richtigen Entscheidungen getroffen haben", sagte Schröder und verwies auf den Einsatz der SPD für Demokratie, sozialen Fortschritt und die Ostpolitik. Und jetzt gebe es eine neue historische Herausforderung für die SPD: "In einer Zäsur der deutschen Geschichte kommt es wieder einmal auf die Sozialdemokraten an."

Rückgriff auf SPD-Geschichte
Bei den gut 450 Delegierten kam Schröders Rückgriff auf die mehr als 140-jährige Geschichte der SPD gut an. Immer wieder brandete in seiner gut 45-minütigen Rede Beifall auf. Auch in der kurzen Debatte gab es kaum kritische Töne. Selbst Juso-Landeschef Marc Herter dankte dem Kanzler. Eine Bürgermeisterkandidatin aus dem Ennepe-Ruhr-Kreis bekannte, sie könne jetzt im bevorstehenden Wahlkampf selbstbewusst auf den Marktplätzen für die SPD werben. Für den Sauerländer Müntefering, bis vor gut zwei Jahren selbst SPD-Landeschef in NRW, war der Auftritt in Bochum ohnehin ein Heimspiel.
Schröder und Müntefering demonstrierten in Bochum, dass kein Blatt Papier zwischen sie passen soll. Keine Rücknahme der Reformen, legten sie sich nahezu wortgleich fest. Das müssten alle wissen, die Korrekturen forderten, betonte Müntefering und stimmte die Partei auf einen langen, steinigen Reformweg ein: "In diesem Jahrzehnt entscheidet sich, was diese Partei wert ist."
An diesem Punkt zeigten sich die NRW-Genossen aber unbeeindruckt. Als Schröder und Müntefering längst abgereist waren, beschlossen sie, an ihrer Forderung nach Korrekturen an der Verdoppelung der Krankenkassenbeiträge auf Betriebsrenten festzuhalten, "selbst wenn sich in Berlin niemand findet, der Veränderungen für möglich oder nötig hält", wie der wieder gewählte SPD-Landeschef Harald Schartau sagte.

"Stürmer und Vorstopper"
Viele Streicheleinheiten gab es in seiner Heimatstadt Bochum für Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD). Zu den von Clement durchgesetzten Reformen gebe es "keine vernünftige Alternative", lobte der Kanzler. Müntefering sprach den über die Personalrochade an der SPD-Spitze verärgerten Clement direkt an. "Jede Mannschaft braucht Stürmer und Vorstopper." Ihre Temperamente seien zwar verschieden. Er sei sich aber sicher, gemeinsam mit Clement die SPD "zum Wohle Deutschlands" nach vorne bringen zu können, nahm Müntefering Clement in die Pflicht.
Der Wirtschaftsminister, der in Bochum nicht ans Rednerpult trat, zeigte sich besänftigt. Der Kanzler habe in seiner Rede "keinen Zweifel gelassen, dass der Reformkurs fortgesetzt wird", sagte er in alle erreichbaren Kameras.