Martin G. sagt: "Nein." Sonst schweigt er.

Er sitzt im Saal des Cottbuser Amtsgerichts in der Thiemstraße, neben ihm der Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe, und Richter Christian Grauer ruft die Polizeibeamten in den Zeugenstand. Mehrmals fragt er Martin G., ob er sich zu den Vorwürfen äußern will. Immer antwortet dieser: "Nein."

Ein großer muskelbepackter Kerl, 21 Jahre alt, der sich selbst nach Angaben der Jugendgerichtshilfe so beschreibt: normal, manchmal schüchtern, hart im Nehmen. Die Polizeibeamten erlebten ihn keineswegs schüchtern. Es war in der Nacht des 2. November 2012, als sie zu einem Haus am Spremberger Kollerberg gerufen wurden. Dort fühlten sich Nachbarn vom Lärm und den "Sieg-Heil"-Rufen mehrerer junger Leute in einer Wohnung belästigt, wo auch Martin G. feierte. Die Polizeibeamten sprachen gegen ihn und seinen Begleiter Charlie M. einen Platzverweis aus. Beide verließen das Haus zunächst, kehrten jedoch kurz darauf wieder um - und Martin G. stieß einen Polizeibeamten so heftig gegen den Oberkörper, dass dieser zu Boden sank.

So schildert es die Staatsanwaltschaft.

Der Polizist selbst weiß nicht mehr, ob sich der Angriff tatsächlich so ereignete. "Das ging alles zu schnell." Doch seine Kollegen erinnern sich. Einer erklärt: "Das war schon ein spezieller Vorfall, deshalb habe ich ihn vor Augen." Ein weiterer Beamter berichtet: "Martin G. hat versucht, uns zu provozieren, dann bekam der Kollege einen Brustpuffer, und auf einmal lag er in der Ecke."

Martin G. schweigt immer noch. Dafür äußert sich sein damaliger Begleiter, Charlie M. "Dem Platzverweis sind wir nachgekommen. Aber weil wir in Richtung Innenstadt gehen wollten, mussten wir zwangsläufig wieder am Haus vorbeigehen." Und dann spricht er von einem "älteren fetten Bullen", den Martin G. "ganz langsam" weggeschoben habe. Der Richter lässt die Beleidigung protokollieren.

Über Martin G. sagt der Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe: "Er lebt sein eigenes Leben." Demnach wurde ihm der erste Lehrvertrag gekündigt, in der zweiten Firma folgte ein Aufhebungsvertrag, in der nächsten erneut eine Kündigung, weil er unentschuldigt fehlte. Jetzt arbeitet er bei einer Zeitarbeitsfirma als Gerüstbauer - zumindest bis zum Herbst. Bei der Marine will er sich bewerben, obwohl ihn das Amtsgericht schon im Juni wegen schwerer Körperverletzung, Nötigung und Propagandadelikten zu einer neunmonatigen Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt hatte: Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er im Jahr 2012 in Terpe bei einer Feier vier Besucher durch Schläge, Tritte und den Wurf eines Bierglases verletzt hatte. Zudem habe er damals mit gestrecktem Arm "Heil Hitler" gerufen.

"Ich gehe von erheblichen Entwicklungsdefiziten aus", sagt der Jugendgerichtshelfer. "Ihm fehlt die Reife eines erwachsenen Menschen."

Richter Christian Grauer gibt zu bedenken: "Bis heute haben Sie keine abgeschlossene Ausbildung - es sollte mich sehr wundern, wenn Sie bei der Marine mit offenen Armen empfangen werden." 200 Euro soll Martin G. wegen der Attacke auf den Polizisten an das Albert-Schweitzer-Familienwerk zahlen. Damit bleibt der Richter deutlich unter der Forderung des Staatsanwaltes, der eine Geldstrafe von 45 Tagessätzen je 40 Euro anregte.

Martin G. nimmt das Urteil stoisch entgegen.