Die Verhandlungen über die Bedingungen weiterer Finanzhilfe für Griechenland sind endgültig Chefsache geworden: Bei einem Krisentreffen im Berliner Kanzleramt, zu dem Angela Merkel neben Frankreichs Staatschef François Hollande und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker am Montagabend mit Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank und Christine Lagarde vom Weltwährungsfonds auch die Chefs der beiden anderen beteiligten Finanzinstitutionen eingeladen hatte, wurde Diplomaten zufolge ein konkretes Angebot an Athen formuliert. Es sollte nach letzten technischen Änderungen noch am Dienstag Premier Alexis Tsipras übermittelt werden.

"Wir haben jetzt ein fertiges neues Memorandum", hieß es in Kreisen der Zentralbank am Dienstag gegenüber der RUNDSCHAU. In einem Memorandum legen die Eurostaaten nieder, unter welchen Voraussetzungen Krisenländer Geld erhalten. "Es ist deutlich kürzer als die bisherigen und nicht bis ins letzte Detail ausgeführt, enthält aber die politischen Bedingungen, die vor einer weiteren Auszahlung erfüllt sein müssen", hieß es.

Über die genauen Inhalte des vermeintlich letzten Angebots wurde Stillschweigen vereinbart - weder in Berlin noch Brüssel war Näheres zu erfahren. Klar scheint jedoch, dass der bisher geforderte strukturelle Haushaltsüberschuss von 4,5 Prozent für das laufende Jahr deutlich, möglicherweise auf nur noch ein Prozent abgesenkt werden könnte, was wiederum Athens Schuldenlast erhöht und nach den hausinternen Regeln des Währungsfonds eine weitere Auszahlung erschwert. "Der IWF ist damit jetzt einverstanden", sagte ein hochrangiger EU-Diplomat, "solange Europa die Kosten trägt".

"Dass die Griechenland-Gespräche jetzt Chefsache und nicht mehr auf Ebene der Finanzminister angesiedelt sind, erhöht die Einigungschancen", sagte ein Regierungsvertreter Belgiens in Brüssel. Ein hochrangiger Vertreter der Eurogruppe, deren Chef Jeroen Dijsselbloem nicht zu dem Treffen eingeladen war, einer Kommissionssprecherin zufolge aber "im Bilde gehalten" wurde, sagte der RUNDSCHAU: Die nächtliche Sitzung im Kanzleramt beweise, "dass sich die Eurozone größere Zukunftssorgen macht als Griechenland". Daher seien Deutschland und Frankreich nun auf Griechenland zugegangen: "Tsipras hat erreicht, was er wollte - dass nämlich die Chefs entscheiden und er ein softeres Ergebnis bekommt als bei den Finanzministern."

EU-Währungskommissar Pierre Moscovici sprach von wichtigen "Fortschritten", man sei allerdings "noch nicht am Ziel". So ist keinesfalls sicher, dass Tsipras, der gerade selbst einen "kompletten Plan" übermittelt haben will, dem neuen Angebot zustimmt. Sein Vize Giannis Dragasakis, der dem linken Flügel der Regierungspartei Syriza zugerechnet wird, teilte via Twitter mit, man werde "keine Ultimaten akzeptieren".

Dies sehen die Grünen ähnlich. "Selbst wenn das Angebot echte Zugeständnisse enthält, wird es schwer für Tsipras, Ja zu sagen, weil er nicht eingeladen und nicht auf Augenhöhe beteiligt war", sagte ihr Europaabgeordneter Sven Giegold der RUNDSCHAU. "Und wir wissen, dass es den Griechen nicht nur um Substanz, sondern auch Symbolik geht." Das Verfahren, auch unter Umgehung der EU-Institutionen, "wird Europa schaden".

Die Nachtsitzung im Kanzleramt ist auch Ausdruck dafür, dass die griechische Finanzlage nun wirklich ernst ist - obwohl Athen zuletzt mit teils abenteuerlichen Methoden immer wieder seine Schulden bedienen konnte. Bis Monatsende jedoch werden weitere 1,6 Milliarden Euro fällig, im Juli und August etwa sieben Milliarden Euro, die Athen nach Ansicht der meisten Beobachter nur begleichen kann, wenn die noch ausstehende Hilfsrate der Geldgeber über 7,2 Milliarden Euro ausgezahlt wird.

Damit dies bis Monatsende geschehen kann, wenn das zweite Hilfsprogramm ausläuft, bedarf es unter anderem der Zustimmung des Bundestags - wohl des ganzen Plenums, das in der Woche vom 15. Juni zu einer Sitzungswoche zusammentritt und zumindest einige Tage zur Beratung verlangen dürfte. Ohne dessen Mandat kann Finanzminister Wolfgang Schäuble in der für 18. Juni angesetzten Eurogruppensitzung kein grünes Licht geben. Die Bundesregierung drückt daher auf Tempo. "Wir brauchen bis Mitte oder Ende nächster Woche eine Einigung mit Griechenland", so ein EU-Diplomat, "um die Fristen einhalten zu können."