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| 11:22 Uhr

Geierswalde: „Leben mit der Grube“

Ingrid Radochla: [… ] Meine Großeltern und Eltern verloren durch den Zweiten Weltkrieg alles. Wir zogen mit dem Flüchtlingstreck nach Westen und kamen bei Bekannten in Hohenstein-Ernstthal unter. Dort blieben wir, bis uns der Vater meiner Mutter im Sommer 1945 zu sich nach Geierswalde holte.

Bei ihm fanden wir in diesen wirren Zeiten ein neues Zuhause. Ich erinnere mich nicht an die Flucht, kenne aber die Erzählungen meiner Großeltern, meiner Mutter und meines vier Jahre älteren Bruders Dieter. Es muss schlimm gewesen sein. Wir marschierten an Dresden vorbei, als es gerade bombardiert wurde. Meine Mutter erzählte, dass sie die Stadt am Horizont tagelang brennen sah.

In Geierswalde wuchsen wir mit den Kohlegruben und Kippen um den Ort herum auf und gewöhnten uns an die ständige Veränderung der Umgebung. Aus der Richtung Laubusch kommend, wanderte die Grube "Erika" auf uns zu. [...]

1953 begann nordwestlich von Geierswalde der Aufschluss des Tagebaus Koschen. Dazu wurden die riesigen Bagger und Förderbrücken dorthin umgesetzt. Ein beeindruckendes Spektakel, das ich mir als Kind nicht entgehen ließ. Langsam wanderte die Grube auf unseren Nachbarort Scado zu. Zwischen Scado und Geierswalde existierte seit jeher eine enge Verbindung. Die Kinder aus Scado gingen mit uns in die Schule in Geierswalde, ihre Toten begruben die Scadoer auf dem Geierswalder Friedhof. Nun erzählten wir in der Grundschule: "Scado ist bald weg. Bald frisst der Bagger das Dorf."

Erst 1964 wurde der Ort endgültig geräumt. Bis dahin konnten wir uns alle darauf einstellen, dass Scado verschwindet. Nach und nach verließen die Bewohner ihre Höfe und Häuser. Nur eine einsame Seele wollte nicht weichen. Zuletzt lebte dieser Mann für einige Monate in seinem Haus ohne Strom und Wasser. Schließlich eskortierte ihn die Polizei von seinem Grundstück. Anschließend wurde das Haus gesprengt.[...]

Heute wehren sich viele Menschen gegen die Abbaggerung der Lausitzer Dörfer. Auf elektrischen Strom will jedoch keiner verzichten! Aber denen, die wegen der Braunkohleförderung umgesiedelt werden, geht es gut. Sie können all ihr Hab und Gut an ihren neuen Wohnort mitnehmen, sie werden finanziell entschädigt und bekommen neue Häuser gebaut. Wenn ich ihre Situation mit der Flucht meiner Familie vergleiche, fällt es mir schwer, ihre Beschwerden nachzuvollziehen.

Meine Großeltern hatten 1910 geheiratet, sich ein Haus - eine Bäckerei - in Florsdorf gekauft und sich ihre Existenz aufgebaut. Später wurde die Backstube vergrößert, das Haus umgebaut und erweitert. Erst 1936 schlossen sie die Bauarbeiten ab.

Nicht einmal zehn Jahre später musste meine Familie ihre Heimat verlassen. Es ist immer schlimm, wenn jemand Haus und Heim verliert! Aber anders als die Flüchtlinge können sich die Tagebau-Umsiedler langfristig vorbereiten. Sie können sogar noch Fotos von ihrem Haus machen und sich auf den Verlust einstellen.

Meine Familie durfte das nicht. Sie gingen - lediglich mit ein paar Taschen - von heute auf morgen in eine ungewisse Zukunft. [...]