Der Gang liegt voller Schutt und ist etwa 20 Meter weit einsehbar. Der Eingang des etwa einen Meter breiten, fast mannshohen Ziegelgewölbes liegt versteckt in einer Nische des Ostflügels. Nach einem Knick fällt der Tunnel steil ab zur Pregel, die die Stadt in zwei Armen durchfließt. Grabungshelfer räumen nun mit Eimern und Schaufeln den Schutt aus dem Stollen, damit die Erkundung beginnen kann.

Suche nach Kunstwerken
Von einer Sensation spricht Prof. Wladimir Kulakow, der als Chef der Baltischen Expedition am Nationalen Archäologie-Institut Russlands die Schlossausgrabungen in Kaliningrad leitet. Der Tunnel stamme wahrscheinlich aus dem 14. Jahrhundert und sei zumindest in dem bisher geöffneten Teil in sehr gutem Zustand. "Vielleicht können wir schon bald den Verbleib einiger verschollener Königsberger Kunstwerke und Museumsexponate aufklären", hofft er.
In der einstigen Hauptstadt Ostpreußens verschwanden in den Kriegswirren ganze Sammlungen spurlos. Allein aus dem kostbaren Fundus des Prussia-Museums fehlen zehntausende Exponate. Doch das Schicksal des Bernsteinzimmers stellt alles in den Schatten. Zum letzten Mal wurde der Schatz Anfang April 1945, kurz vor Erstürmung der Stadt durch die Rote Armee, im Königsberger Schloss gesehen, zum Transport verpackt in 27 Kisten. Im Schlosskeller verliert sich seine Spur. Führt der unterirdische Geheimgang auf die Spur des Kleinods?
Anatolij Walujew, Chefarchäologe des Kaliningrader Museums für Geschichte und Kunst, will das nicht kommentieren. "Das sind Spekulationen. Die Entdeckung des Tunneleingangs ist natürlich ein großer Glücksfall für uns. Doch das Ziel der Ausgrabungen ist nicht das Bernsteinzimmer, sondern die Konservierung des historischen Ursprungsortes der Stadt als Freilichtmuseum", sagt er.
Walujews deutsche Geldgeber sehen das womöglich anders. Finanziert wird das seit drei Jahren laufende Grabungsprojekt vom Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". In der Hamburger Redaktion belegt ein umfangreiches Dossier: Vieles spricht dafür, dass das seit 60 Jahren an Dutzenden Orten in halb Europa gesuchte Bernsteinzimmer Königsberg nie verlassen hat. Mit einiger Wahrscheinlichkeit liegt es unter den verschachtelten Kellergewölben des Schlosses versteckt. Bisher brachten die Ausgrabungen freilich nur Backsteintrümmer und Weltkriegsgerümpel ans Licht. Die Entdeckung des Tunnels ist die bislang heißeste Spur.
Auch der Kaliningrader Historiker Sergej Trifonow ist davon überzeugt, dass das legendäre Bernsteinzimmer und andere Kunstschätze in einem geheimnisvollen unterirdischen Labyrinth zwischen Schloss und Dominsel liegen. Das Gangsystem 16,5 Meter unter dem Pregelstrom sei im Mittelalter von holländischen Baumeistern angelegt worden. Dafür habe er Belege in "deutschen Archivdokumenten" gefunden, sagt Trifonow. Er forscht seit Jahren über die Mythen Königsbergs, wobei die Vorliebe für bizarre Themen seinem Ruf unter den Archäologen geschadet hat. "Er ist ein guter Erzähler, der nichts beweisen muss", meinte Kulakow, als Kollege Trifonow vor einigen Wochen seine Tunnelthese im russischen Fernsehen präsentierte.

Tunnel teilte sich mehrfach
Dabei ist der Geheimgang gar nicht so geheim. Für seine Existenz gibt es sogar Zeugen aus der Nachkriegszeit. Grigori Pogodin etwa, einst Hauptmann der Sowjetarmee, beschreibt den Tunnel in seinen Memoiren "Wir stürmten Königsberg": Kurz nach Kriegsende seien er und ein paar Kameraden auf dem Schlossgelände in einen Lüftungsschacht hinabgeklettert und von dort in ein gemauertes Stollensystem gelangt. "Wir kamen bis an den Pregel, dort gab es noch einen Schacht, vielleicht zehn Meter tief. Unter der Insel teilte sich der Tunnel in drei Richtungen, von den zwei verschüttet waren. Der dritte Zweig ging in südlicher Richtung weiter und endete an einem Eisentor, das zugeschweißt war."
Solche Erzählungen regen die Fantasie an, vieles bleibt geheimnisvoll, Legende und Wahrheit verschmelzen miteinander. Das Bernsteinzimmer scheint nie weit entfernt.