Die Firma hieß "Dokumentenforschung", Sitz Köln. Sie erledigte angeblich Recherchen für das 1950 neu gegründete Bundesamt für Verfassungsschutz. In Wirklichkeit war sie ein Tarnunternehmen - um alte Kader aus Gestapo, SS und SD zu beschäftigen. Das ist eines der Details aus einem Forschungsbericht, der gestern in Berlin veröffentlicht wurde.

Das Bundesamt hatte die Untersuchung selbst in Auftrag gegeben, so wie vor ihm schon das Bundeskriminalamt und der Bundesnachrichtendienst. Die Bochumer Historiker Constantin Goschler und Michael Wala rekonstruierten, wie es zu den Nazis im Verfassungsschutz kam. 1950, nach der Gründung, behielten zunächst die Alliierten die Kontrolle über die neue Behörde und lehnten jeden Bewerber strikt ab, der im Sicherheitsapparat des Hitlerreiches gearbeitet hatte. Denn der Verfassungsschutz sollte den Staat ja gerade vor einer Unterwanderung durch Feinde des Grundgesetzes schützen. Doch weil Bundeskriminalamt und Bundesnachrichtendienst nicht so abweisend auf die Altkader reagierten, fanden die Schlapphüte bald kaum noch erfahrene Leute.

So wurde vor allem vom damaligen Abteilungsleiter für die Spionageabwehr, Richard Gerken, der selbst früher NSDAP-Mitglied war, laut den Ermittlungen der Forscher eine Parallelstruktur aufgebaut. Eben jene Tarnfirma, die bald 67 sogenannte freie Mitarbeiter beschäftigte, anfangs fast genauso viele wie das eigentliche Amt. Darunter 25 ehemalige SS- und SD-Leute. Als die Alliierten 1956 ihre Vormundschaft über die Behörde aufgaben, wurden die meisten Altnazis offiziell übernommen. Sie machten eine Zeit lang etwa 15 Prozent der Führungskräfte aus. Ihre Vergangenheit war durchaus bekannt. Man sah das jedoch nicht als hinderlich an, solange den Betroffenen keine strafrechtlichen Verfehlungen nachgewiesen waren. Freilich, bei Leuten wie Walter Odewald, SS-Obersturmbannführer, der erst in Paris tätig war und 1944 dann Kripochef im besetzen Prag wurde, hätte der Verdacht nahe gelegen. In den 60er-Jahren änderte sich das politische Klima, der braune Sumpf machte immer häufiger Negativschlagzeilen. Deshalb wurden alle Betroffenen nach und nach in andere Behörden versetzt und später pensioniert. 1972 musste als Letzter der langjährige Präsident Hubert Schrübbers seinen Posten räumen. Laut Forscher Wala jedoch wohl mehr, weil er mit seiner harten Gangart gegen die DKP die Ostpolitik der sozialliberalen Regierung gefährdete, als wegen seiner Vergangenheit als Richter im NS-Staat.

Die Amerikaner hatten nach Auffassung der Historiker nicht die Idee für diese Parallelstruktur, hätten aber später von ihr gewusst und sie toleriert. Dafür, dass auch die Stasi von der braunen Unterwanderung ihres Hauptkontrahenten wusste, fanden sich hingegen keine Belege. Obwohl der Gründungspräsident des Verfassungsschutzes, Otto John, 1954 nach Ost-Berlin ausgereist war - ob freiwillig oder nicht, wurde nie endgültig geklärt. Abteilungsleiter Gerken habe John über seine Aktivitäten nicht vollständig informiert, ermittelten die Forscher. Er agierte offenbar wie sein eigener Chef.

Der Rückgriff auf Nazi-Leute habe dem Amt "lange und nachhaltig geschadet", resümierte Innen-Staatssekretärin Emily Haber. Er sei zum Vehikel für grundsätzliche Zweifel an der Behörde geworden. Für die gibt es freilich auch aktuellere Vorgänge. Der heutige Präsident Hans-Georg Maaßen erinnerte selbst daran. Er habe, sagte Maaßen, bei der Lektüre des Forschungsberichtes ein "Déjà-vu-Erlebnis" gehabt. Das Chaos etwa im Thüringer Verfassungsschutz in den ersten Jahren nach der Wende erinnere sehr an die Situation in den 50er-Jahren nach der Gründung. Der "dilettierenden Truppe" (Maaßen) in Erfurt gingen die späteren NSU-Mörder Böhnhardt und Mundlos durch die Lappen.