Sein Kollege aus der nach wie vor berühmten Karnevalshochburg Wasungen in Südthüringen, Martin Krieg: "Für einen guten Redner war der Kick viel größer als heute, es war eine Gratwanderung. Wie weit kann ich mich raushängen, ab wann wird es zu provokant und gefährlich? " Auch Michael Meinung, in den 1970er-Jahren Lokalchef einer Erfurter Zeitung, denkt gerne an die "prickelnden Zeiten" als Büttenredner zurück."Die Stasi-Leute saßen immer mit im Publikum, und man musste sie immer wieder austricksen." Wie die prominenten Gecken mehr als 20 Jahre Bespitzelungen, Nachstellungen und Auftrittsverbote überlebten, scheinbar mühelos, immer einen Kalauer auf den Lippen, wissen alle drei auch heute noch genau. "Der Einfluss des SED-Regimes war zwar riesig, aber man hatte seine Strategien", berichtet Krieg. Politikerkaste war tabu In der Praxis hätten sich die Clubs den Umständen angepasst, sich bei Kritik auf Missverständnisse und Unwissenheit berufen, Besserung gelobt, Selbstkritik geübt und ihre Beziehungen spielen lassen. 1988 gab es in der DDR rund 1340 registrierte Karnevalclubs mit etwa 70 000 aktiven Mitgliedern, jährlich 120 000 Veranstaltungen und etwa 6,5 Millionen Besuchern. "Das waren Rekorde im Vergleich zum Westen und Beweis dafür, dass der Karneval in der DDR ein Ventil war. Bei den Feiern konnten die Leute Luft ablassen", resümiert Meinung. "Durch die Blume, zwischen den Zeilen, Flüsterwitze" - so hieß das Arbeitsprinzip für die hintergründigen Gags und subtilen Pointen.Noch heute muss Krieg schallend lachen, wenn die Rede auf die damaligen Luxusläden Exquisit oder Delikat kommt. "In den Deli-Läden, da schmeckt es lecker, doch kaufen kann dort nur. . ." - An dieser Stelle habe das Publikum bereits gegrölt, ohne dass der Reim mit dem Namen Honecker auch nur angeklungen wäre. "Die obere Polit- und Parteikaste war völlig tabu, Namen wurden nie genannt", weiß auch Fliedner zu berichten. Für alle "Größen" habe man Spitznamen gehabt, die das Publikum kannte.Wasungen hatte als karnevalistisches Aushängeschild der DDR eine besondere Position. "Aus dem ganzen Land waren Stasi-Leute und Volkspolizei vor Ort, weil sich vor allem die DDR-Jugendlichen und junge Intellektuelle zum Fasching hier trafen", erzählt Krieg. Bereits in der Bahn habe es Personenkontrollen gegeben. "Vor den Veranstaltungen hatten die Oberen keine Angst, aber was, wenn der Straßenumzug in Richtung Grenze marschiert wäre?" Von Schwierigkeiten mit den Staats- und Parteibehörden können die Narren von damals alle erzählen. Auch ihre eigene Existenz haben sie immer wieder gefährdet. Krieg beispielsweise wurde "einbestellt", weil er in seiner Rede den westlichen Produktnamen "Maggi" benutzte statt von "Speisewürze" zu sprechen. "Sie sind schon wieder unangenehm aufgefallen, hieß es dann beim FDJ-Parteidirektor." Auch Meinung und Fliedner können von solchen Erlebnissen ein Lied singen. Jeder von ihnen kennt mindestens einen Karnevalisten, der Berufsverbot erhielt.Objekt der KulturförderungIn Wismar beispielsweise wurde 1971 der Leiter der Abteilung Gesundheit in der Stadtverwaltung seines Amtes enthoben, weil er bei der Organisation eines Faschingsballs mitwirkte. Trotz solcher Attacken ließ sich die Fastnachtskultur im Osten Deutschlands nicht unterkriegen. Nachdem der Fasching in der frühen DDR als "bürgerlich-reaktionär" abgelehnt wurde, nutzte der Apparat die zunehmende Akzeptanz in der Bevölkerung und machte die Fastnacht schließlich zum Objekt der Kulturförderung. Ausnahmen bestätigen die Regel: 1955 wurde den Karnevalsgruppen in Wismar die Gründung von Vereinen untersagt, weil sie mit der "kulturpolitischen Zielsetzung unserer Regierung" nicht vereinbar sei.Auch bei der Kostüm- und Materialbeschaffung lebten die DDR-Karnevalisten nur von Andeutungen. "Die Mangelwirtschaft führte zu einem immensen Einfallsreichtum", erinnert sich der Wasunger Krieg und erzählt von Orden aus "Plaste", Holz oder Leder, weil es kein Buntmetall gab. Mützen habe man sich aus Pappe gebastelt und mit Buntpapier beklebt.