Die Landwirtschaftsministerien und Geflügelwirtschaftsverbände in Brandenburg und Sachsen tappen im Dunkeln. Es gibt keine Statistik die belegt, welche Auswirkungen die zweimalige Stallpflicht im vorigen Herbst und in diesem Frühjahr konkret auf die Freilandgeflügel-Bestände der Region gehabt hat. Zwar müssen Hühner, Gänse, Enten und Co. bei den Kreisveterinären angemeldet werden, doch niemand kann dabei Vollständigkeit garantieren und keiner rechnet die gemeldeten Tiere zusammen. Erst im November wird es in Brandenburg wieder eine Viehzählung geben.
Günther Drobisch, Geschäftsführer des sächsischen Geflügelwirtschaftsverbandes, ist sich jedoch sicher, dass der zweimalige Vogelgrippealarm Auswirkungen gehabt hat: „Die Tendenz zur Reduzierung der Freilandbestände ist da, gerade bei Gänsen.“ Die Zahl der Gänseküken, die verkauft wurden, sei jedenfalls deutlich geringer gewesen als in den Vorjahren. „Wer Weihnachten eine Freilandgans haben will, sollte bei seinem Lieferanten in diesem Jahr rechtzeitig nachfragen“ , rät Drobisch.

Bruteier weggeworfen
Den Nachfragerückgang an Gänseküken hat der Zuchtbetrieb in Königswartha (Landkreis Bautzen) hart zu spüren bekommen. Statt 200 000 Enten- und Gänseküken wie bisher pro Saison wurden gerade mal halb so viele in diesem Jahr verkauft. „Unsere Elterntiere haben schon weniger Eier gelegt durch den Stress und dann mussten wir noch Zehntausende Bruteier wegwerfen, weil es einfach keine Nachfrage gab“ , sagt Andrea Lau. Der Betrieb wird dadurch in diesem Jahr rote Zahlen schreiben. „Dabei hatten wir uns wirtschaftlich so gut entwickelt. Das hat uns um Jahre zurückgeworfen“ , sagt Lau bitter.
Maria Latta hat auf ihrem Brischkoer Geflügelhof bei Wittichenau (Landkreis Kamenz) trotz aller Verunsicherung wieder 1500 Junggänse für das Weihnachtsgeschäft in den Aufzuchtstall genommen, genauso viele wie im Vorjahr. „Wir hoffen, dass wir wieder eine Ausnahmegenehmigung bekommen, wenn es im Herbst erneut eine Stallpflicht gibt“ , sagt sie. Viele Freilandgeflügelhalter in der Region befürchten, dass sie ihre Tiere wieder wegsperren müssen, wenn die Zugvögel sich im Herbst sammeln.
Dass gerade Züchter mit kleinen Beständen sich sehr gut überlegen, wie viele Tiere sie noch aufziehen, hat auch Maria Latta am Verkauf von Küken gemerkt. 500 bis 800 Jungtiere hat sie sonst abgegeben, in diesem Jahr nur knapp 400.
Marzella Fröhlich aus Herzberg (Elbe-Elster) hat ihren Geflügelbestand reduziert. Nur 250 statt bisher 400 Gänse wachsen auf ihrem Hof zum Festtagsbraten heran. Bei den Enten war sie mutiger. 2500 Tiere, ebenso viele wie im Vorjahr, watscheln umher. „Die kommen mit der Stallpflicht besser klar als die Gänse“ , sagt sie. Auch Mazella Fröhlich rechnet damit, dass es im Herbst wieder heißt „ab in den Stall“ . Mit der Entscheidung, wie viele Gänse sie in diesem Jahr mästet, hat sie deshalb „bis auf den letzten Drücker gewartet“ .
Wie groß die Verunsicherung bei kleinen Geflügelhaltern in den vergangenen Monaten war, haben auch die Kreistierärzte bemerkt. „Es gab viele Nachfragen und spontane Reaktionen, wie: Dann schaffe ich meine Hühner oder Gänse ab“ , sagt Jörg Wachtel, oberster Veterinär im Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Das sei bedauerlich, denn bei ruhiger Überlegung seien die Einschränkungen gar nicht so groß. „Es ist aber schwer, die kleineren Züchter bei der Stange zu halten.“ Sie seien oft Rentner oder Arbeitslose, die nicht viel investieren könnten.
Bei den Freilandhühnern scheint die Vogelgrippe dagegen zumindest an den größeren Beständen spurlos vorübergegangen zu sein. Rund eine halbe Million Legehennen scharren nach wie vor in Brandenburg unter freiem Himmel. „Bei den größeren Haltern, die damit ihr Geld verdienen, gibt es keine Einschränkungen“ , sagt Ursula Schimmrigk vom Brandenburger Geflügelwirtschaftsverband.
Keiner der Freilandhalter falle glücklicherweise in eine der Sperrzonen, die um große Legebatterien oder Hähnchenmästereien herum und in Teichgebieten wie Peitz mit vielen Wasservögeln ausgewiesen wurden. Christian Schandog aus Raddusch bei Vetschau (Oberspreewald-Lausitz-Kreis) hat seinen Geflügelbestand sogar aufgestockt. Statt 3200 Legehennen wie im Vorjahr scharren jetzt 4200 bei ihm im Freiland. Einen Aufzuchtstall hat er ausgebaut. Bis Ende August soll eine fahrbare Überdachung für 160 Quadratmeter Auslauf geliefert werden.

Überdachter Auflauf
Schandog zieht außerdem bis Weihnachten 300 Gänse auf, doppelt so viele wie vor einem Jahr. Auch die Zahl der Enten auf seinem Hof ist von 300 auf 400 gestiegen. „Der Markt gibt das her, bei Eiern könnten wir noch mehr verkaufen“ , freut er sich. Gerade weil viele kleine Züchter das Handtuch geworfen hätten, baut er aus: „Wenn man professionell arbeitet, kann man in die Lücke vorstoßen.“
Die Verbraucher bekommen langsam wieder so viel Appetit auf Geflügel und Eier wie vor den Seuchenalarmbildern von der Insel Rügen. Das bestätigen aktuelle Zahlen der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle in Bonn. Danach erreichte der Geflügelkauf im Juni, vermutlich auch dank des Grillwetters, das Vorjahresniveau. In den vorangegangenen Monaten war der Absatz drastisch eingebrochen. Die Branche musste zeitweise einen Verkaufsrückgang zwischen 15 und 20 Prozent verkraften.
Vorsichtiger Optimismus herrscht trotz aller Probleme auch bei der Gänsezüchterin Maria Latta aus Wittichenau. Schließlich sei die Vogelgrippe nicht die erste Tierseuche, die monatelang die Öffentlichkeit beschäftigte: „Irgendwann wird es auch für die Geflügelhalter wieder besser. Wer redet denn heute noch von BSE.“

Hintergrund Vogelgrippe - Virusinfekt bei bestimmten Arten
  Als Vogelgrippe wird eine Virusinfektion bei bestimmten Vogelarten bezeichnet. Der aus Asien stammende Erreger heißt H5N1. Die Hitze und die Trockenheit dieses Sommers hat die Ausbreitungsgefahr des Erregers in Deutschland stark reduziert. Von Mitte Mai bis vorgestern (Fall im Dresdener Zoo) wurde in Deutschland keine neue Infektion mehr entdeckt.
In Deutschland wurde das Virus bisher bei 343 Wildvögeln, drei Katzen, einem Steinmarder und in einem sächsischen Geflügelbestand bei mehreren Puten nachgewiesen.
Im Jahr 2005 war von Mitte Oktober bis Mitte Dezember für Geflügel eine Stallpflicht angeordnet worden. Von Februar bis Mitte Mai 2006 mussten Hühner, Enten, Puten und Gänse erneut in den Stall. Seit Ende Mai ist die Freilandhaltung mit Einschränkungen wieder möglich.
Besonders von Schutzmaßnahmen betroffen war im Februar die Insel Rügen. Dort waren an Vogelgrippe verendete Schwäne gefunden und der Katastrophenfall ausgerufen worden.