Der wuchs seither kräftig, umfasst heute rund 50 Hektar. 250 000 Gössel schlüpfen hier im Jahr. Rechnet man die beiden ostsächsischen Zuchtbetriebe in Königswartha und Reichenau sowie den im holsteinischen Gudendorf hinzu, produziert Eskildsens Unternehmen rund drei Fünftel aller in Deutschland ausgebrüteten Gänsegössel. Hinzu kam mittlerweile die Produktion von Bio-Puten in Freilaufhaltung in Reichenau und Wermsdorf.

Ausnahme bei der Einstallung
Allein in Wermsdorf standen zuletzt 8000 Puten, 4350 Gänse und 3350 Hühner. Diese Tier-Dimensionen waren auch der Grund, weshalb das Unternehmen eine Ausnahmereglung von der auch für Sachsen geltenden Einstallungspflicht für Nutzgeflügel erhielt. Im Gegenzug ließ sich alle zwei Wochen der Amtstierarzt sehen, um die Bestände virologisch und serologisch zu untersuchen. "Das letzte Mal erst vor zwei Wochen. Und da war nichts Ungewöhnliches aufgefallen", versicherte gestern Nachmittag Ingolf Herold, der Kreistierarzt des Muldetalkreises. Nicht einmal Antikörper hatten die Puten, Gänse und Hühner, die in Wermsdorf stehen, gebildet - mithin ein sicheres Zeichen, dass kein viröser Befall vorliegt.

Jede zehnte Pute war tot
Und so schlug es bei Lorenz Eskildsen wie eine Bombe ein, als Dienstagvormittag plötzlich in einem Putenstall mit 1400 Vögeln jedes zehnte Tier tot dalag. Schnell eingeleitete Tests bestätigten zwei Stunden später die schlimmsten Befürchtungen: Es lag ein positiver Virusbefund der Aviären Influenza (Vogelgrippe) vor. Weitere zwei Stunden später folgte die Bestätigung, dass es sich um einen gefährlichen Subtyp handelt.
Sofort lief nun ein vorbereitetes Szenario an. Der Kreistierarzt berief unverzüglich die Einsatzleitung Tierseuchen ein, der Experten des Landratsamtes in Grimma angehören. Vorsorglich wurde der Personen- und Fahrzeugverkehr zum Betrieb gesperrt und 18.30 Uhr postierte sich gar Polizei vor dem Tor. Feuerwehren der Region, die man schnell zusammengezogen hatte, installierten an verschiedenen Stellen Desinfektions-Durchfahrwannen für Fahrzeuge und Seuchenmatten für Personen. Jeder, der das Gelände betrat oder verließ, wurde penibel registriert. Selbst ein Notarzt kam in die Zuchtstation, um sich der verunsicherten Mitarbeiter anzunehmen.
Dass tatsächlich der hochbrisante Virus vom Typ H5N1 vorliegt, wusste da indes noch keiner definitiv. Die Bestätigung durch das Referenzlabor des Friedrich-Löffler-Instituts für Tierseuchenforschung auf der Ostseeinsel Riems folgte erst gestern. Damit war dann endgültig klar: Deutschland hat seinen ersten Fall von Vogelgrippe in einem Nutztierbestand. Allerdings machte sich auch Lorenz Eskildsen zu diesem Zeitpunkt längst keine Illusionen mehr, denn mittlerweile hatte die Seuche schon rund 700 Puten hinweggerafft.
Was nun folgte, kennt die Öffentlichkeit bereits aus Zeiten der BSE-Krise. Wie damals ganze Rinderherden gekeult wurden, muss nun der komplette Vogelbesatz in Wermsdorf sterben - insgesamt knapp 16 000 Tiere. Am Nachmittag begann das Massaker. Man trieb die letzten Vögel in die Ställe, dichtet diese ab und ließ Kohlenmonoxid einströmen.
Eine Aussage, woher das Virus trotz kontinuierlicher Untersuchungen stammt, bleiben alle Beteiligten noch schuldig. Landrat Gerhard Gey (CDU) spricht von einem "völligen Rätsel". Er vermutet, dass sich die Zuchtputen durch Wildgeflügel infiziert haben. Eskildsens Anlage liege in einem großen Teich- und Seengebiet, in dem derzeit tausende Wasser- und Zugvögel anzutreffen sind.

Lausitzer Betriebe ohne Sperre
Wie es mit Lorenz Eskildsen weitergeht, ist noch offen. Zumindest die Tierverluste bekomme er voll ersetzt, versicherte Gesundheitsministerin Helma Orosz (CDU). Je zur Hälfte kämen dafür die Tierseuchenkasse und das Land Sachsen auf. Tierseuchenexpertin Gerlinde Schneider vom sächsischen Agrarministerium versicherte zudem, dass die beiden anderen sächsischen Eskildsen-Standorte in der Lausitz nicht von den Sperren betroffen sind, da es zwischen den Betriebsteilen keinen Tieraustausch gegeben habe.