"Meine Tochter hat so viele Aufgaben auf, dass sie sich nicht mehr mit Freundinnen treffen kann", beschwert sich eine Mutter. Ein Vater klagt über stressige Familien abende. "Wenn ich nach Hause komme, muss ich mit meinem Sohn Mathematikaufgaben lösen, die er nicht verstanden hat." Mit dem Ergebnis, dass sein Kind schlecht einschlafe und sich am nächsten Tag in der Schule nicht konzentrieren könne.

Zwei Stunden für Entspannung
"Was ich zurzeit an den Gymnasien in Nordrhein-Westfalen erlebe, ist eine Katastrophe", sagt Strubelt, die als Verbindungslehrerin bei der Lan des schülervertretung in Düsseldorf arbeitet. "Die Hausaufgaben sind zur Gefahr für den Familienfrieden geworden". "Kinder brauchen mindestens zwei Stunden am Tag, um sich zu entspannen oder Freunde zu treffen", erklärt Strubelt. "Wenn sie in der fünften und sechsten Klasse regelmäßig über 90 Minuten für ihre Hausaufgaben brauchen, machen die Lehrer etwas falsch." In einem gut strukturierten Unterricht könne ein Schüler so viel lernen, dass kaum noch Hausaufgaben nötig seien, ist Strubelt überzeugt. "Leider beobachte ich, dass viele Lehrer den Druck, den ihnen die Landesregierung mit der Schulzeitverkürzung und dem Zentralabitur macht, an die Schüler weitergeben." Plötzlich dienten Hausaufgaben nicht mehr der Vertiefung des Stoffes, sondern ergänzten den Unterricht.
"Viele Eltern sind zu Hilfslehrern geworden", beobachtet auch Dieter Dornbusch, Vorsitzender des Bundeselternrates. Dadurch gehe die Bildungsschere in Deutschland noch weiter auseinander. "Wer die Zeit und Kompetenz hat, seinen Kindern zu helfen, bringt sie bis zum Abitur", sagt der Elternsprecher. "Kinder aus Migrantenfamilien oder mit voll berufstätigen Eltern bleiben auf der Strecke." Es sei denn, sie hätten das Geld, Nachhilfe zu bezahlen. Ein Weg, den heute immer mehr Eltern wählen. Fast fünf Milliarden Euro werden laut Dornbusch jedes Jahr in Deutschland für Nachhilfestunden und Hausaufgabenbetreuung bezahlt. Der einzige Weg, die Bildungsungerechtigkeit zu stoppen und die Familien zu entlasten, ist in den Augen des Bundeselternsprechers ein massiver Ausbau der Ganztagsschulen. Thomas Markert von der Technischen Universität Dresden stimmt dem zwar zu, sieht damit aber noch nicht die Hausaufgabenproblematik gelöst. Der Erziehungswissenschaftler hat bis August 2008 in einer Studie über vier Jahre lang die Effektivität von Ganztagsschulen in Sachsen untersucht. Dabei kamen auch die Hausaufgaben auf den Prüfstand.

Pädagogische Betreuung nötig
Das Ergebnis der Ganztagsstudie: "Hausaufgaben haben keinerlei nachweisbaren Einfluss auf die Schulnoten", sagt Markert. Gute Schüler würden durch das Pauken am Nachmittag nicht unbedingt besser, schlechte Schüler begriffen durch bloßes Wiederholen noch lange nicht, was sie schon am Vormittag nicht richtig verstanden hätten. Einen positiven Lerneffekt stellte der Erziehungswissenschaftler dagegen fest, wenn Schulen eine Hausaufgabenbetreuung unter pä dagogischer Leitung in kleinen Lerngruppen anbieten.

Modellversuch in Sachsen
An einer sächsischen Ganztagsschule etwa betreuten die Fachlehrer in einem Modellversuch die Hausaufgaben selbst, die sie ihren Schülern zuvor im Unterricht aufgegeben hatten. Mit dem Effekt, dass sie zunehmend weniger und differenziertere Hausaufgaben erteilten. "Je weniger Hausaufgaben ein Lehrer aufgibt, um so qualifizierter ist er", behauptet Markert.
Diese Erkenntnis sei in den meisten deutschen Schulen noch nicht angekommen, glaubt Grundschullehrerin Beate Lüdtke aus Ennepetal: "Eltern beklagen sich, wenn ich keine Hausaufgaben aufgebe". Verwundert stellt sie fest, dass viele Eltern glaubten, die Menge der Hausaufgaben sage etwas über die Kompetenz des Lehrers aus. "Deshalb beschweren sie sich auch selten, wenn ihr Kind stundenlang über Aufgaben sitzt, die es nicht verstanden hat."
Dabei sollten Kinder ihre Hausaufgaben alleine lösen können. Eltern sieht Lüdtke allerdings in der Pflicht, wenn es darum geht, gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu gehöre ein ruhiger Raum, eine Zeit der Entspannung vor dem Üben und, so betont die Pädagogin, ein begrenzter Umgang mit "konzentrationsraubenden Zeitfressern" wie Computer, Playstation und Fernsehen.