Ein Knäuel aus zertrümmertem Metall zeugt von der Wucht der Kollision. Helfer in orangefarbenen und gelben Neonwesten. Auch am zweiten Tag nach dem Zugunglück von Bad Aibling mit elf Toten arbeiten sie am Limit, um die Trümmer zu bergen. Die verkeilten Zugteile stehen unter Spannung, eine äußerst gefährliche Aufgabe.

Gefährliche Arbeiten der Helfer

Die Züge waren am Dienstagmorgen praktisch ungebremst aufeinander zugerast und haben sich regelrecht ineinandergefressen, noch immer ist unklar, wie es dazu kommen konnte. Teile könnten sich nun plötzlich mit Wucht lösen, abrutschen oder kippen. Bis Mitternacht hatten die Helfer bei Flutlicht im Schneetreiben gearbeitet, dann aber unterbrochen. Im Dunkeln ist der Job noch gefährlicher. "Da ist ja unheimlich viel Energie in dem Metall gespeichert, und wenn die Wracks auseinandergezogen werden, könnte es sein, dass ein Metallteil wie ein Pfeil weggeschleudert wird", schildert Polizeisprecher Stefan Sonntag.

"Wir rechnen damit, dass die Arbeiten noch ein, zwei Tage dauern werden, wahrscheinlich bis Samstag", sagt der Geschäftsführer der Bayerischen Oberlandbahn (BOB), Bernd Rosenbusch. Danach müssen Gleis und Oberleitung repariert werden. Auch das dürfte einige Tage in Anspruch nehmen.

Länger wird es dauern, bis die seelischen Wunden heilen. Die BOB biete allen Verletzten, Angehörigen von Opfern und Fahrgästen Betreuung an, sagt Rosenbusch. Auch die Retter sowie die Kollegen der tödlich verunglückten Lokführer sind betroffen. "Wir sind sehr intensiv dabei, die Mitarbeiter psychologisch zu betreuen", sagt Rosenbusch. "Das ist das Wichtigste jetzt."

Betroffenheit auch in Spremberg

Betroffenheit herrscht auch in Spremberg (Spree-Neiße). Gestern war bekannt geworden, dass unter den Todesopfern des Zugunglücks ein Mann aus der 22 000-Einwohnerstadt ist. Nach Polizeiangaben handelt es sich um einen 38-Jährigen, der in Spremberg gemeldet war, wie Bürgermeisterin Christine Herntier (parteilos) bestätigte. Die Stadt fühle mit den Angehörigen mit, sagte die Bürgermeisterin.

Herntier sagte, dass die Stadt nun das Gespräch mit der Familie suche. Bei einer möglichen privaten Trauerfeier wolle die Stadt auch vertreten sein und dem Toten die letzte Ehre erweisen.

Spuren der Katastrophe

Am Ort des Unglücks in Bad Aibling holen Angehörige und Fahrgäste gestern unterdessen bei der freiwilligen Feuerwehr im Nachbarort Kolbermoor persönliche Gegenstände ab, die aus den Zugwracks geborgen wurden.

Eine Mutter sucht die Brille ihres Sohnes. Räder, Rucksäcke, Jacken, Handtaschen, eine Mütze mit Blutflecken, ein einzelner Schuh - Spuren der Katastrophe. Die ganze Region trauert. Am Sonntag will Bad Aibling in einem ökumenischen Gottesdienst der Opfer gedenken.

Das Kondolenzbuch im Rathaus, in dem sich am Vortag Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und andere Politiker eingetragen haben, ist fast bis zur letzten Seite voll. "Ich bin so traurig", hat ein Junge in krakeliger Kinderschrift hineingeschrieben.

Auch Helfer werden betreut

Die Zahl der Toten stieg gestern auf elf. Zwei Tage nach dem Unglück war am Donnerstag ein 47 Jahre alter Mann in einem Krankenhaus gestorben. 150 Helfer räumen inzwischen weiter auf. Einige sind seit Dienstag im Einsatz. Auch sie werden betreut. "Im Moment geht es", fasst der Ortsbeauftragte des Technischen Hilfswerks, Bernd Reinartz, den psychischen Zustand seiner Kollegen zusammen. Unter Stress wird die Emotion ausgeblendet, zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Reinartz weiß noch nicht einmal, ob unter den Opfern Freunde von ihm sind. Boote bringen auf dem Mangfallkanal Motorsägen, Trennschleifer, Holz und Ketten an die schwer zugängliche Unfallstelle. Sie liegt in einem Waldstück an einer Hangkante, die steil zum Kanal abbricht. Auch die Wasserwacht ist da, um die Arbeiten zu sichern.

Hoffen auf dritte Blackbox

Am Morgen ziehen Dieselloks die fahrbereiten Wagen der Züge in Richtung Kolbermoor und Bad Aibling weg. Danach schiebt sich von Kolbermoor her ein roter Kran mit der Aufschrift "Notfalltechnik" heran. Er soll helfen, die letzten Wagen und das Metallknäuel von den Schienen zu heben.

Eisenbahnbundesamt, Staatsanwaltschaft und Kripo arbeiten an der Aufklärung des Unglücks. Die Ermittler hoffen auf die dritte Blackbox, deren Auswertung Aufschluss geben könnte über Geschwindigkeit und Bremsungen und darüber, ob vielleicht ein Signal missachtet wurde. Zugleich werden Lage, Verformungen, Zerstörungen der Züge exakt dokumentiert.

"Man muss das wirklich rekonstruieren wie bei einem Verkehrsunfall, um die ganz genauen Abläufe zu wissen", sagt Polizeisprecher Sonntag. "Da macht man nicht drei Fotos als Kripo und das war's."