Peter Schollbach ist Rinderzüchter in Kemmen bei Calau (Oberspreewald-Lausitz). Seit 1994 bewirtschaftet er rund 250 Hektar Land. Doch im Moment blickt er mit Sorge in die Zukunft. Fast die Hälfte seiner Nutzflächen ist seit Monaten gesperrt. Im Sommer musste er Tiere in Pension geben, um Futtervorrat für den Winter zu gewinnen.

Schollbach ist einer von 26 Landwirtschaftsbetrieben in der Lausitz, die nicht mehr auf ihre Acker- und Weideflächen kommen. Grund sind unerwartete Rutschungen in Alt-Kippengelände. Im Oktober 2010 verflüssigte sich der Boden im sächsischen Sanierungsgebiet Spreetal. 150 Hektar setzten sich samt Schafherde und Lastwagen in Bewegung. Ende Dezember 2010 sackten 27 Hektar Wald bei Lohsa (beide Landkreis Bautzen) ab.

Als Ursache ermittelten Fachleute in beiden Fällen eine bisher ungekannte Gefahr. Das mit dem Rückgang des Bergbaus aufsteigende Grundwasser hatte Bewegungen in vor Jahrzehnten geschütteten Böden in Gang gesetzt. Bisher galten sie als stabil und sicher.

Die für den Sanierungsbergbau zuständige Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau- Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) sperrte daraufhin alle Gebiete, in denen sich Ähnliches zutragen könnte. Neben vielen Landwirten und Waldbesitzern sind davon auch Gewerbebetriebe und Windparks betroffen.

"Wir wissen immer noch zu wenig über die Vorgänge in diesen Kippen", begründet Eckhard Scholz die anhaltende Sperrung. Er ist Leiter Geotechnik der LMBV. An der weiteren Aufklärung werde aber mit Hochdruck gearbeitet, versichert er. Mit Labor- und Feldversuchen sollen neue Sanierungsstrategien entwickelt werden.

Im Spreetaler Gebiet werde jetzt der Einsatz von Kunststoffdränagen erprobt, kündigt Scholz an. Auch an der dort verlaufenden Bundesstraße B97 sollen Dränagebänder in die Erde gebracht werden, um Luft- und Wasserdruck aus dem Boden heraus zu leiten. Ziel aller Bemühungen sei es, die Bodenstruktur zu verfestigen.

"Wir können aber nicht alle alten Kippen verdichten", schränkt Scholz ein. Der überwiegende Teil der gefährdeten Flächen werde "mittelfristig" gesperrt bleiben, kündigt der Leiter Geotechnik an. Mittelfristig, das seien für ihn fünf bis 12 Jahre, so Scholz. Fest steht für ihn: "Das wird uns alles eine Stange Geld kosten." Die von den Sperrungen betroffenen Grundstücksbesitzer können aber meist nicht jahrelang warten, trotz Entschädigungen.

Rinderzüchter Schollbach hat wie andere Betroffene erste Zahlungen bekommen. Für 2012 hat ihm die LMBV auch eine Pachtfläche als Ausgleich vermittelt. Doch die liegt 40 Kilometer entfernt. "Da sind wir mit der Technik nur auf der Straße", beklagt Schollbach.

Ohnehin sei das für ihn keine dauerhafte Lösung. "Ich will wieder 120 Hektar, die mir gehören", sagt der 56-Jährige. Denkbar sei für ihn auch, dass er seine gesperrten Flächen unter Auflagen nutzen könnte. "Ich habe das ja als Kippenboden von der LMBV gekauft, da waren wir immer vorsichtig."

Für Jürgen Kohl in Lauchhammer steht dagegen fest, dass er mit seinem mittelständischen Betrieb nicht bleiben kann, wo er ist. Seine Elektrofirma EMS mit sieben Mitarbeitern soll das Betriebsgelände auf altem Kippengrund bald räumen. Untersuchungen haben auch dort Gefahr durch aufsteigendes Grundwasser ausgemacht.

Im Gewerbegebiet Lauchhammer hat die Firma nun ein Ersatzgrundstück in Aussicht. "Wir müssen wirtschaftlich nach dem Umzug so dastehen wie vorher", beschreibt Kohl seine Erwartung an die Kostenübernahme durch die LMBV. Umziehen muss auch der Reiterhof Terra Nova im sächsischen Sperrbereich Spreetal. Dr. Bernd Krüger ist froh, dass es nicht mehr Betriebe sind, die ihren Standort aufgeben müssen. Krüger, Leiter der Liegenschaftsabteilung der LMBV, hat mehrere Hunderttausend Euro in diesem Jahr für Entschädigungen in Zusammenhang mit den Sperrungen ausgegeben. Im kommenden Jahr müssten zusammen mit den Betroffenen wichtige Entscheidungen gefällt werden, sagt Krüger. Soll weiter in Jahresabschnitten oder mit Einmalzahlung entschädigt werden? Welche Flächen kauft die LMBV zurück?

Schwerpunkt seien die Landwirte. Über eine Vereinbarung mit der BVVG (Bodenverwaltungs- und Verwertungs GmbH) sollen ihnen Ersatzflächen zur Pacht angeboten werden. "Einen vollständigen Austausch bekommen wir aber nicht hin", schränkt der Liegenschaftschef ein.

Auswirkungen der gefährdeten Altkippen bekommt auch das von Bund und Freistaat Sachsen geförderte Naturschutz-Großprojekt Lausitzer Seenland zu spüren. Das Vorhaben muss in diesem Winter mit 1000 statt geplanter 3000 Hektar Größe vorzeitig beendet werden. Rund 340 Hektar des bereits gekauften Projekt-Geländes können zurzeit nur eingeschränkt, rund 580 Hektar gar nicht betreten werden. "Das ist schon existenziell", sagt Geschäftsführer Alexander Harter. Flächen zum weiteren Ankauf seien nicht vorhanden.

Gelände mit begonnenem Waldumbau könnte außerdem, so Harter, schon in wenigen Jahren zum Problem werden. "Wenn wir nicht hinein können, um für die jungen Laubbäume Platz zu schaffen, können die sich nicht entwickeln", warnt er. Harter sieht auch die Entwicklung des Tourismus im Seenland behindert.

Die Zweckverbände beiderseits der sächsisch-brandenburgischen Landesgrenze haben jetzt eine Imagekampagne gestartet, die den durch die Geländesperrungen lädierten Ruf der Region wieder aufmöbeln soll. LMBV und Kommunen arbeiten außerdem an einem Plan für die Verlegung von Rad- und Wanderwegen. "Wer hier als Tourist unterwegs ist, darf nicht plötzlich vor Sperrschildern stehen", so der Bautzener Landrat Michael Harig (CDU).

Einig ist er sich mit seinem Amtskollegen im Kreis Oberspreewald-Lausitz, Siegurd Heinze (parteilos), dass im neuen Verwaltungsabkommen zur Altlastsanierung genügend Geld für diese Probleme bereitgestellt werden muss. In dem bis 2012 laufenden Budget sei schon viel Geld für Sicherungsmaßnahmen und zulasten notwendiger touristischer Infrastruktur abgezweigt worden.

Zum Thema:

Der Bund sowie die Länder Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt stellen in vierjährigen Abkommen das Geld für die Sanierung der Bergbaualtlasten zur Verfügung. Das fünfte Abkommen gilt von 2013 bis 2017.Bis Ende 2012 werden für die Bergbaualtlastsanierung insgesamt rund neun Milliarden Euro ausgegeben worden sein. Schwerpunkt dabei ist die Lausitz.Brandenburgs Infrastrukturminister Jörg Vogelsänger (SPD) sprach sich gegenüber der RUNDSCHAU gegen Kürzungen der bisher für diese Arbeit bereitgestellten Gelder im neuen Budget aus. Der Etat müsse eher aufgestockt werden.