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| 01:28 Uhr

Gedenken an Warschauer Aufstand

Polens Regierungschef Donald Tusk (l.) am Grab des unbekannten Soldaten in Warschau anlässlich der Feierlichkeiten zum Jahrestag des Aufstandes, bei dem vor allem Zivilisten starben. Foto: dpa
Polens Regierungschef Donald Tusk (l.) am Grab des unbekannten Soldaten in Warschau anlässlich der Feierlichkeiten zum Jahrestag des Aufstandes, bei dem vor allem Zivilisten starben. Foto: dpa FOTO: dpa
War der Kampfentschluss der Aufständischen von 1944 richtig? Seit Jahrzehnten entzweit der Streit über den militärischen und politischen Sinn des Warschauer Aufstandes mit mehr als 200 000 Toten Historiker und Politiker in Polen. Ungeachtet aller Diskussionen pflegen die Polen die Erinnerung an die Helden und Opfer der Erhebung gegen die deutschen Besatzer. Von Jacek Lepiarz

65 Jahre danach ist der Aufstand zum zentralen nationalen Mythos im Geschichtsbewusstsein Polens geworden. "Wir leben in einem freien und demokratischen Polen, einem Staat, um welchen sie (die Aufständischen) kämpften", sagte Warschaus Bürgermeisterin Hanna Gronkiewicz-Waltz bei der Gedenkveranstaltung am Sonntag in der Stadt. Ihr Kampf sei nicht vergeblich gewesen. Für Präsident Lech Kaczynski ist der Aufstand sogar zum Mythos geworden, der das "Heldentum und den Willen, der vor nichts zurückschreckt", besonders zum Ausdruck bringe. Dieser Mythos solle in Polens Geschichte ewig leben.Bei den Gedenkveranstaltungen, die mehr als eine Woche andauerten, bewiesen die Warschauer, dass sie sich der Tradition verbunden fühlen. Als um 17 Uhr am Samstag zum Andenken an den Kampfausbruch die Sirenen zu heulen begannen, hielt die Stadt für eine Minute inne. Fußgänger blieben stehen, Autos und Busse hielten an. Tausende Menschen zündeten Grableuchten an, Eltern und Kinder trugen Armbinden in Polens Landesfarben weiß-rot. Bis spät in die Nacht hinein sangen die Warschauer historische Kampflieder. Es waren meist junge Männer und Frauen, auch Kinder, die vor 65 Jahren in den Kampf gegen die Deutsche Wehrmacht zogen. Die Führung der nationalpolnischen Untergrundarmee warf rund 40 000 schlecht bewaffnete Freiwillige in die Schlacht. Gegen viel besser ausgerüstete deutsche Einheiten hatten sie nur wenige Tausend Gewehre zu setzen. "Wir alle waren sehr glücklich, dass wir endlich die Deutschen an der Kehle fassen können", erzählt Barbara Matys, damals bei einer Pioniereinheit. "Es gab keine Alternative zum Aufstand", sagt Mariusz Olczak, Historiker vom Warschauer Staatsarchiv.Dank des Überraschungseffekts erzielten die Aufständischen anfangs beachtliche Erfolge und brachten große Teile Warschaus unter ihre Kontrolle. Hitler wollte aber die Frontstadt nicht aufgeben. Nach einigen Tagen ging die Deutsche Wehrmacht zur Gegenoffensive über und setzte schwere Panzer und Flugzeuge ein. Die Aufständischen mussten ein Stadtviertel nach dem anderen räumen, bis sie am 2. Oktober kapitulierten. Nach 63 Tagen blieben in der völlig zerstörten Stadt 200 000 Tote, davon 18 000 Heimatarmee-Soldaten zurück. Eine halbe Million Menschen wurden aus der Stadt vertrieben, ein Teil von ihnen ins NS-Konzentrationslager Auschwitz verschleppt.Der Aufstand habe die nationale Identität Polens, die durch die sowjetische Herrschaft bedroht war, gefestigt, urteilt der Historiker Andrzej Krzysztof Kunert. Der Mythos habe den Nachkriegsgenerationen als ein sehr wichtiger Grundwerte-Wegweiser gedient. Sein Kollege Jan Ciechanowski dagegen hält den Kampfbefehl für einen der schwersten Fehler der AK-Führung. Der Aufstand hätte nicht ausgerufen werden sollen, weil er von Anfang an keine Erfolgsaussichten gehabt habe.