. Die Spitze des Kickbox-Teams Cottbus (KBTC) hat sich im Internet Luft gemacht. In Erklärungen auf der Homepage und der Facebook-Seite des Vereins mit ausgeprägter Kinder- und Jugendarbeit ist von einer "beispiellosen und beschämenden Medienkampagne" die Rede.

Anlass für den Zorn sind Berichte der RUNDSCHAU über die Teilnahme des frischgebackenen Europameisters Mario Schulze an einer "Adolf Hitler Memorial Tour" im Mai 2011 nach Mallorca. Auf 90 aktive Mitglieder verweist der Verein, auf zwei Deutsche Meister und einen Europameister in nur drei Jahren seit der Gründung 2009. "Wir werden nicht zulassen, dass ihr das zerstört oder in den Dreck zieht", gibt sich der Vereinsvorstand kritischen Medien gegenüber kämpferisch.

Auf den ersten Blick ist beim KBTC auch alles in Ordnung. Der Verein gibt öffentlich Erklärungen gegen Rassismus und Ex tremismus ab. Er beteiligt sich an Benefizveranstaltungen. Zusammen mit Kämpfern des Boxclub Cottbus (BCC), mit dem der KBTC kooperiert, reisten Kickboxer nach Israel. Doch auf den zweiten Blick hat der Verein auch eine andere Seite. Mehrere exponierte Kämpfer, die für das KBTC in den vergangenen drei Jahren im Ring standen, bewegten sich zur selben Zeit in der rechtsradikalen Szene. Der Verein hat es bisher versäumt, sich dieser Tatsache zu stellen und sich deutlich abzugrenzen. Das zeigen neue Recherchen.

Im April fand in Cottbus eine Party statt, ein Kostümfest unter dem Motto "Dreißiger Jahre". Mehrere Gäste erschienen, so die Beobachtung von Verfassungsschützern, in SA-Uniformen. Anlass der Feier soll der Geburtstag von Christian B. gewesen sein. Der hatte zwei Monate vorher nach langer Mitgliedschaft als aktiver Kämpfer das Kickboxteam verlassen. Dem Verein ist er zumindest geschäftlich bis heute verbunden. Mit seiner Security-Firma stellte er den Ordnerdienst bei der Kickbox-Nacht mit über 2000 Zuschauern Anfang Oktober in Cottbus.

In zwei der SA-Uniformen auf dem Kostümfest steckten nach Angaben aus Sicherheitskreisen Cottbuser Kickboxer. Einer der beiden, Markus W., war jahrelang Spitzenkämpfer des Vereins. Im Januar 2012 war er ausgetreten, nachdem die RUNDSCHAU darüber berichtet hatte, dass er einen Strafbefehl wegen Volksverhetzung bekam. Grund dieser Verurteilung war seine Teilnahme an einer "Adolf Hitler Memorial Tour" Ende Mai 2011 nach Mallorca.

Bei dem anderen SA-Uniform-Träger soll es sich um einen weiteren Kickboxer des KBTC gehandelt haben, der wenige Monate vorher noch für den Verein im Ring gestanden hatte und bis vor wenigen Wochen auf der Internetseite des KBTC verzeichnet war. Er bestreitet gegenüber der RUNDSCHAU, der SA-Uniform-Träger zu sein. Das Kickbox-Team habe er Anfang 2012 verlassen, also zur selben Zeit wie Markus W. und Christian B. Letzterer war bisher für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Markus W. wird im Verfassungsschutzbericht 2011 offen als Rechtsextremist benannt. Der mutmaßliche zweite SA-Uniform-Träger und Christian B. sind in Sicherheitskreisen in den vergangenen Jahren mehrfach als Teilnehmer von rechtsex tremen Aufmärschen und Konzerten aufgefallen. Christian B. hatte - wie Markus W. - an der Hitler-Gedenkfahrt Ende Mai 2011 nach Mallorca teilgenommen und ebenfalls einen Strafbefehl bekommen.

An dieser Reise auf die spanische Ferieninsel nahmen auch der frischgebackene Europameister Mario Schulze vom KBTC und - wie erst jetzt bekannt wurde - auch ein Sponsor des Vereins teil. Die Gruppe hatte bei der Abreise am Flughafen in Dresden T-Shirts mit der Brust-Aufschrift "Schmeck heil, A.H. Memorial Tour 2011, Protektorat Mallorca" getragen. Die Rückseite der Hemden zierte der Spruch: "Seit 66 Jahren vermisst, Du fehlst uns, wir brauchen dich."

Schulzes Beteiligung an der Reise war erst durch eine Anfrage der Stadt Cottbus beim Brandenburger Innenministerium unmittelbar vor seinem Europameisterschaftskampf Anfang Oktober bekannt geworden. Schulze versicherte mehrfach, das Hemd nicht getragen zu haben.

Im Sommer 2011 hatte Schulze auch eine Geburtstagsfeier von Markus W. in einem Dorf im Spree-Neiße-Kreis besucht, die wegen Sieg-Heil-Rufen von der Polizei aufgelöst worden war. Fragen der RUNDSCHAU dazu ließ er unbeantwortet.

Die Adolf-Hitler-Memorial-Tour bezeichnete er jetzt in einer Erklärung im Internet als "Urlaubsreise mit Freunden". Solche Reisen würden schon seit Jahren vorgenommen und stünden in keinem Zusammenhang mit einer etwaigen Verehrung der NS-Zeit und damit verbundenen Personen. Sicherheitsbehörden waren zahlreiche Mitglieder der Mallorca-Reisegruppe als Rechtsextremisten bekannt.

Der Brandenburger Verfassungsschutz bemüht sich seit einem Jahr, den Stadtsportbund und den Boxclub Cottbus, den Kooperationspartner des Kickboxteams, für die gefährliche Mischung aus Rechtsextremisten und Mitläufern im Umfeld des Kickbox-Vereins zu sensibilisieren. Es gab mehrere Gespräche zum Thema Kampfsport und Rechtsextremismus.

Auch der Brandenburger Landessportbund steht seit mehr als einem Jahr in Kontakt mit dem BCC. "Der Verein hat unsere Beratungsangebote jedoch bisher eher zögerlich angenommen", bedauert Uwe Koch, Leiter des Sportbund-Projektes "Tore für Demokratie". Nach dem Ausscheiden von Markus W. sei das Problem nicht ernst genug genommen, die Bedeutung klarer Abgrenzung nicht erkannt worden. "Politisch neutral zu sein kann nicht heißen, dass es uns egal ist, was jemand außerhalb des Sportes macht", macht Koch deutlich.

Der Vorstand des Kickbox-Teams Cottbus hat nach eigenen Angaben erst durch die Medien schrittweise von der Teilnahme dreier damals aktiver Kämpfer und eines Sponsors an der Hitler-Gedenkfahrt 2011 erfahren. Auf die RUNDSCHAU-Frage, was denn der Verein von sich aus unternommen habe, um nach dem bekannt gewordenen Strafbefehl für Markus W. weitere rechtsex treme Verstrickungen aufzudecken, gibt der Vorstand keine Antwort.

Der Stadtsportbund Cottbus will nicht mehr länger auf eine umfassende Erklärung des Kickbox-Teams zu den Vorwürfen warten. "Wir werden jetzt das Gespräch mit dem BCC und dem Kickbox-Team suchen", kündigt Geschäftsführer Tobias Schick an. Auch Uwe Koch vom Landessportbund soll dabei sein.

Olaf Wernicke, Vorsitzender des Stadtsportbundes, macht jedoch deutlich, dass diese Dachorganisation der Cottbuser Sportvereine nicht in das Kickbox-Team hinein agieren kann. Die Entscheidung über mögliche Veränderungen liege beim Verein: "Wir können ihnen nur anbieten, bei der Bewältigung der Probleme zu helfen. Die müssen das wollen."

Die Facebook-Seite des Vereins und die Bildergalerie der Homepage waren am gestrigen Dienstag nicht mehr zu erreichen.

Zum Thema:
Der Verfassungsschutz Brandenburg beobachtet seit mehr als einem Jahr eine Unterwanderung der Kampfsportszene in der Region durch Rechtsextremisten. Auch der sächsische Verfassungsschutz erwähnte in seinem Jahresbericht 2010 eine wachsende Popularität von Kampfsport unter Rechtsextremisten. Die RUNDSCHAU berichtete im Dezember 2011 exklusiv über diese Entwicklung. Im Oberspreewald-Lausitz-Kreis hatte bis dahin ein hartgesottener Neonazi und NPD-Funktionär in einem Kickbox-Verein trainiert. 200 Neonazis aus ganz Deutschland veranstalteten 2010 ein konspirativ organisiertes Kampfsportturnier.