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Geburtshilfe lohnt nicht mehr

Hebammen-Protest vor dem Bundesministerium für Gesundheit in Berlin. Foto: dpa
Hebammen-Protest vor dem Bundesministerium für Gesundheit in Berlin. Foto: dpa FOTO: dpa
Potsdam. Sie helfen bei der Geburt, aber auch bei allen Problemen davor und danach: freie Hebammen. Einige von ihnen haben solche Leistungen nun aber eingestellt. Denn Geburtshilfe ist für sie nicht mehr rentabel. Benjamin Lassiwe

Brandenburgs Hebammen geht die Puste aus: Ab dem 1. Juli steigt die jährliche Prämie der Berufshaftpflichtversicherung für freiberuflich tätige Hebammen auf 4240 Euro pro Jahr. Bislang waren es 3700 Euro. Doch für die Geburt in einer Klinik erhält eine in Brandenburg tätige Hebamme gerade einmal 230 Euro, bei einer außerklinischen Geburt lassen sich etwas mehr als 500 Euro verdienen, sagt die Vorsitzende des Hebammenverbandes des Landes Brandenburg, Martina Schulze. "Die Kolleginnen müssen zehn Geburten machen, um auf das Geld für die Versicherung zu kommen." Doch eine auf Hausgeburten spezialisierte Hebamme betreut im Durchschnitt nur zwei Mütter pro Monat. Ihr durchschnittlicher Jahresumsatz liegt laut einer kürzlich vom Bundesgesundheitsministerium vorgestellten Studie nur bei 24 000 Euro. "Sie arbeitet also ein halbes Jahr für nix."

Das Problem der steigenden Haftpflichtversicherungen für Hebammen gibt es bundesweit. In ganz Deutschland haben deswegen in den vergangenen Jahren rund 20 Prozent der Hebammen aufgegeben. "Von den 50 Kolleginnen, die in Brandenburg mal Geburtshilfe angeboten haben, sind wir runter auf 37", sagt Martina Schulze. "Außerklinische Geburten bieten nur noch etwa 25 Hebammen an."

Mit Demonstrationen und Unterschriftensammlungen haben die Geburtshelferinnen bei Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) protestiert. Vor allem in Schleswig-Holstein gingen die Hebammen auf die Straße, massiv unterstützt von der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Doch auch in Potsdam und Berlin gab es Mahnwachen und Demonstrationen.

Zum "Tag der Hebammen" am vergangenen Wochenende hat Bahr nun reagiert, und die Krankenkassen aufgefordert, den Prämienanstieg bei den Vergütungsverhandlungen mit den Hebammen zu berücksichtigen. Ähnlich äußerte sich die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Ingrid Fischbach. Und die Opposition im Deutschen Bundestag warnte gar vor einer "Prekarisierung der in der Geburtshilfe tätigen Hebammen". "Viele Geburtshelferinnen sehen sich nicht mehr in der Lage, diesen immensen Kostenblock zu schultern und müssen von immer weniger Einkommen und in prekären Beschäftigungen leben", sagt die SPD-Gesundheitspolitikerin Mechthild Rawert.

Der Politik also ist das Problem bewusst, die Hebammen freilich bleiben trotzdem skeptisch. "Es darf nicht nur geredet werden, es muss endlich auch gehandelt werden", sagt Martina Schulze. Schon heute lohnten Geburtsvorbereitungskurse oder Rückbildungskurse für die Hebammen als Anbieterinnen nicht mehr. Und die Kolleginnen, die Beleggeburten anbieten würden, seien völlig überlastet - und verdienten doch nicht genug, um langfristig über die Runden zu kommen. "Wir erleben in der Praxis, das oft schon bei der Wochenbettbetreuung die Nachfrage nicht mehr befriedigt werden kann", sagt Schulze. "Die Kolleginnen arbeiten oft an der Obergrenze dessen, was sie noch schaffen - und es geht ihnen dreckig."