Sind es wirklich schon Wochen, seit der Krieg zu Ende ging? Oder nur ein Tag? In Sadschaija, einem Stadtteil im Osten Gazas, sieht es aus, als sei noch gestern gekämpft worden. Als hätten israelische Geschosse die Häuser erst vor wenigen Stunden getroffen, als seien gerade noch Hamas-Kämpfer durch die Gassen gehuscht.

In Wahrheit sind mehr als sechs Wochen seit Kriegsende vergangen. Am 26. August verkündeten Israel und die Palästinenser eine unbefristete Waffenruhe. Seitdem sitzt Mohammed al-Chejssi, 45, jeden Tag vor den Trümmern seines Hauses und wartet. Auf den Wiederaufbau, auf Hilfe, auf den Winter, der bald über Gaza hereinbrechen wird. "Wo soll ich denn sonst hin?", fragt Al-Chejssi. Seit dem Krieg sind er und seine fünf Kinder obdachlos.

Rund 18 000 Häuser wurden im jüngsten Gaza-Krieg zerstört, so schätzt es die UN-Nothilfeorganisation Ocha. Mehr als 100 000 Menschen leben deshalb noch immer bei Verwandten, in Zelten oder UN-Einrichtungen. Ihnen zu helfen wäre am dringendsten nötig. Doch die in Gaza herrschende radikalislamische Hamas ist nahezu pleite und auch die Palästinensische Autonomiebehörde klagt über Finanzprobleme. Deshalb richtet sich alle Hoffnung auf Kairo: Dort sollen am Sonntag internationale Geldgeber über den Wiederaufbau Gazas beraten.

Vertreter zahlreicher Länder, aber auch der Weltbank und mehrerer UN-Organisation sollen an diesem Tag entscheiden, wie Gaza am besten geholfen wäre. Rund 30 Außenminister haben sich Medienberichten zufolge angekündigt. Die veranschlagten Kosten eines Wiederaufbaus sind enorm: Vergangene Woche veröffentlichte das palästinensische Ministerium für Planung und Entwicklung einen Aufbauplan, der die Kosten auf vier Milliarden Dollar (etwa 3,2 Milliarden Euro) schätzt.

Seitdem reicht die palästinensische Regierung den Klingelbeutel umher. Sein Volk habe "zweifellos eine schwere Zeit durchgemacht", sagte Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. Er hoffe auf rasche Hilfe der Weltgemeinschaft. Auch Mofid al-Hassajna, Minister für Wohnungsbau in Gaza, rief die europäischen, arabischen und islamischen Staaten auf, so viel wie möglich zu spenden.

Auch das erste Treffen der Einheitsregierung in Gaza am Donnerstag hatte den Wiederaufbau zum Thema. Der palästinensische Regierungschef Rami Hamdallah versprach den Menschen Hilfe. Sein Besuch in der Küstenenklave soll auch ein Signal an potenzielle Spender sein. Denn die sorgen sich, dass ihre Gelder nicht nur in neue Häuser, sondern auch in die Bewaffnung militanter Gruppen fließen könnten.

In Gaza-Stadt ist der Alltag wieder eingekehrt. Die Märkte haben geöffnet, Fischer fahren auf das Meer hinaus und Kinder baden am Strand. Doch im Osten Gazas sind viele Häuser nur noch Betongerippe, türmen sich Schutt und Zement, wo einmal Familien gelebt haben. Telefonmasten sind umgestürzt, die Straßen haben Löcher. Hier fanden die heftigsten Kämpfe statt: Die israelische Armee nennt diese Orte "Hochburgen der Hamas". Hier haben die Israelis besonders viele jener Tunnel zerstört, die sie zum Anlass für die Eskalation des Konfliktes machten: Kommandos der Hamas drangen durch die Gänge nach Israel ein. Viele Eingänge, sagt die Armee, lagen in Wohnhäusern oder Moscheen.

Nun müssen diese Viertel wieder aufgebaut werden. Mitte September einigten sich Israel und die Palästinenser auf den Import von Baustoffen. Erste Materialien könnten bald geliefert werden, sagt die palästinensische Regierung. Mohammed al-Chejssi wünscht sich nicht nur, dass sein Haus bald wieder bewohnbar ist. "Wir hoffen, dass neue Jobs entstehen", sagt er. Die internationalen Gelder könnten die Wirtschaft in Gaza befeuern, Ingenieuren und Maurern Arbeit geben. "Aber bisher", sagt Al-Chejssi mürbe, "sehen wir davon nichts."