Von ernsthaften Verhandlungen, die dem immer erbitterter ausgetragenen Machtkampf zwischen der Hamas und der rivalisierenden Fatah die Schärfe nehmen könnten, war gestern keine Rede mehr. Bedrohlich stehen sich Milizen beider Seiten gegenüber. Ein Bruderkrieg werde so immer wahrscheinlicher, fürchten Palästinenser.
Zwischenfälle an der Grenze Ägyptens zum Gazastreifen am Donnerstag hatten die angespannte Lage noch verschlimmert. Mit 35 Millio nen US-Dollar im Gepäck war Hanija nach mehr als zwei Wochen im Ausland an einer Rückreise in den Gazastreifen gehindert worden. Der israelische Verteidigungsminister Amir Perez hatte eine Schließung des Grenzübergangs Rafah angeordnet, denn nachdem eine internationale Finanzblockade gegen die Hamas-Regierung verhängt wurde, tragen Hamas-Politiker Millionenbeträge über die Grenze.
Aufgebrachte Hamas-Kämpfer stürmten daraufhin den Grenzübergang, der von der Präsidialgarde des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas geschützt wird. Es gab Schießereien zwischen beiden Gruppen, in die schließlich auch ägyptische Soldaten verwickelt wurden. Als Hanija schließlich ohne das Geld passieren durfte, geriet sein Konvoi unter heftiges Gewehrfeuer. Einer seiner Wachmänner wurde getötet, sein Sohn verletzt.

Hamas beschuldigt Fatah
Während Hanija erst noch Israel für die Zuspitzung verantwortlich machte, beschuldigte die Hamas gestern direkt die Führung der Fatah im Gazastreifen. Organisator des als Anschlag bezeichneten Angriffs auf den Konvoi Hanijas sei Mohammed Dachlan, ein starker Mann der Fatah in Gaza. „Er ist der Anführer des Umsturzes“ , sagte Hamas-Sprecher Ismail Radwan. Tausende Hamas-Milizionäre zogen unterdessen in den Straßen Gazas auf, wo gestern der 19. Jahrestag der Gründung der Organisation gefeiert werden sollte.
Die Eskalation erschwert die Bemühungen von Abbas, einen politischen Ausweg aus der Krise zu finden. Aus seinem Büro verlautete, Abbas wolle das Volk in einem Referendum über Neuwahlen entscheiden lassen. Vorgezogenen Wahlen des Parlaments und des Präsidenten hat das Exekutivkomitee der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) gefordert. Doch auch dies scheint gegen den Willen der Hamas oder inmitten einer Eskalation der Gewalt nicht möglich.

Neue Töne in der EU
Nach den nächtlichen Kämpfen am Grenzübergang Rafah schlägt auch die EU - einer der Initiatoren der internationalen Finanzblockade gegen die Hamas-Regierung - andere Töne an. „Wir sind nicht dafür, Geld in Taschen zu tragen. Das sollte klar sein“ , sagte EU-Chefdiplomat Javier Solana in Brüssel. „Wir sind dafür, Geld per Bank zu überweisen.“