Kurz vor dem 25. Jahrestag des Mauerfalls hat Bundespräsident Joachim Gauck offene Bedenken gegen einen möglichen ersten Ministerpräsidenten der Linkspartei geäußert. Mit Blick auf die in Thüringen angestrebte rot-rot-grüne Koalition unter Führung des Linke-Spitzenkandidaten Bodo Ramelow sagte Gauck in der ARD: "Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren."

Gauck warf die Frage auf, wie weit sich die Linke inzwischen von Vorstellungen ihrer Vorgängerpartei SED entfernt habe. Die Linkspartei-Spitze reagierte mit scharfer Kritik am Staatsoberhaupt.

Gauck sagte in der Sendung "Bericht aus Berlin", die Wahlentscheidung der Menschen sei zu respektieren. Gleichzeitig sei zu fragen: "Ist die Partei, die da den Ministerpräsidenten stellen wird, tatsächlich schon so weit weg von den Vorstellungen, die die SED einst hatte bei der Unterdrückung der Menschen hier, dass wir ihr voll vertrauen können?" Es gebe "Teile in dieser Partei, wo ich - wie viele andere auch - Probleme habe, dieses Vertrauen zu entwickeln."

Linke-Chefin Katja Kipping widersprach Gauck scharf. "Seine Zweifel an der demokratischen Gesinnung unserer Mitglieder und Wähler weise ich in aller Form zurück. So etwas gehört sich für einen Präsidenten nicht". Linke-Fraktionschef Gregor Gysi sagte, ein "zur Neutralität verpflichtetes Staatsoberhaupt" solle den Wunsch vieler Ostdeutscher nach einem linken Ministerpräsidenten akzeptieren.

SPD-Vize Ralf Stegner sagte, Gaucks entschiedene Äußerungen auch bei schwierigen Themen machten seine Stärke aus. "In strittigen Fragen der aktuellen Parteipolitik ist allerdings Zurückhaltung klug und geboten, zumal die Amtsautorität des Staatsoberhauptes auf seiner besonderen Überparteilichkeit beruht."

Von Politikern der Grünen und der CDU bekam Gauck Unterstützung für seine Kritik. Grünen-Chef Cem Özdemir sagte: "Der Bundespräsident hat nur das gesagt, was viele denken, die das Unrecht, das in der DDR vorherrschte, zum Teil noch am eigenen Leib erfahren haben."