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Gauck bittet in Griechenland um Verzeihung – der Zorn sitzt tief

Die Last der Vergangenheit: Karolos Papoulias (l.) und Joachim Gauck in Lingiades.
Die Last der Vergangenheit: Karolos Papoulias (l.) und Joachim Gauck in Lingiades. FOTO: dpa
Lingiades. Als der letzte der 83 Namen vorgelesen ist, rufen die Familienangehörigen: "Athanati" – was so viel heißt wie: Unsterblich. Joachim Gauck hat den Kopf gesenkt. Hagen Strauß

Er schreitet zum Mahnmal mit weinenden Müttern, zwei deutsche Jugendliche legen den Kranz des Bundespräsidenten ab. Gauck verbeugt sich tief, die Last der Vergangenheit liegt jetzt wie Blei auf seinen Schultern. Doch kaum hat er der Opfer gedacht, wird der Präsident schon wieder von der politischen Gegenwart eingeholt. Das kleine Bergdorf wurde am 3. Oktober 1943 von der Wehrmacht heimgesucht, deutsche Soldaten verübten dort ein Massaker.

A m letzten Tag seines heiklen Staatbesuches in Griechenland reist Gauck in diesen Ort, er will um Verzeihung bitten für die Gräueltaten, die Deutsche während der Besatzung im Zweiten Weltkrieg verübt haben. Der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias begleitet ihn. Es ist eine besondere Geste des 84-Jährigen - Papoulias war damals hier oben in den Bergen Widerstandskämpfer. Beide Oberhäupter können ihre Trauer im Angesicht des Mahnmals und der Angehörigen der Opfer nicht verbergen. Ihre Umarmung wird nach Gaucks Rede innig .

Während seines Staatsbesuches hat Gauck immer wieder betont, was ihn umtreibt: Dass in Deutschland kaum jemand weiß, wie sehr die Griechen gelitten haben. Allerdings musste auch Gauck diese Geschichte erst dazulernen. Er fühle eine doppelte Scham, sagt er: Dass Menschen, die einst in deutscher Kultur aufgewachsen seien, zu Mördern wurden. Und: "Ich schäme mich, dass das demokratische Deutschland, selbst als es Schritt für Schritt seine Vergangenheit aufarbeitete, so wenig über deutsche Schuld gegenüber den Griechen lernte." Das, was geschehen sei, sei brutales Unrecht gewesen. Dann sagt er den wohl wichtigsten Satz seiner Rede: "Mit Scham und Schmerz bitte ich im Namen Deutschlands die Familien der Ermordeten um Verzeihung."

Schon an anderen Orten in Europa hat Gauck um Vergebung gebeten, es ist eines der Kernanliegen seiner Präsidentschaft. Doch kaum ist die Gedenkfeier beendet, rührt sich Protest. Eine Gruppe entrollt ein Transparent, skandiert "Gerechtigkeit" und "Wiedergutmachung". Das ist die laute, mitunter grobe Begleitmusik, der sich Gauck während seines gesamten Besuches nicht entziehen kann. Angehörige von Opfern überreichen ihm Briefe mit Bitten, sich für eine Entschädigung einzusetzen.