Wie haben sich die psychischen Erkrankungen entwickelt?
Auf den ersten Blick sind die Zahlen niederschmetternd. So geht der Anteil der psychischen Leiden an den Fehltagen in den Betrieben seit 15 Jahren steil nach oben. Meldete sich 1997 nur jeder 50. Beschäftigte wegen seelischer Störungen krank, war es im Vorjahr bereits jeder 22. Damit rückten solche Diagnosen erstmals auf Platz zwei aller Ausfalltage vor. Den ersten Rang belegten Muskel- und Skelett-Erkrankungen. Der Produktionsausfall infolge psychischer Beschwerden wird auf rund 25 Milliarden Euro beziffert. Die Fehltage haben sich zwischen 1997 und 2012 mit plus 165 Prozent mehr als verdoppelt.

Werden psychische Leiden überschätzt?
Ja, sagt Frank Jacobi, Professor für klinische Psychologie, der an den Untersuchungen der DAK beteiligt war. Sein Fazit: "Es gibt keine Hinweise darauf, dass heute mehr Menschen psychologische Störungen haben als vor 20 Jahren." Das belegten epidemiologische Studien. Wohl aber hätten sich das Bewusstsein und die Sensibilität von Ärzten und Patienten gegenüber diesen Krankheiten verändert, ergänzte DAK-Chef Herbert Rebscher. So würden heute viele Arbeitnehmer mit psychischen Leiden krankgeschrieben statt wie früher mit Diagnosen wie chronische Rückenschmerzen oder Magenbeschwerden.

Woher rührt das veränderte Bewusstsein?
Zu den Ursachen zählt der DAK-Report eine breite öffentliche Berichterstattung wie etwa die über das Burnout-Syndrom. Dadurch seien psychische Leiden stärker in den Fokus gerückt, was viele Patienten dazu ermutigt habe, solche Probleme beim Arzt offen anzusprechen. Allerdings, so die DAK-Studie, ist auch das Thema Burnout nicht so bedeutend, wie man gemessen an der großen Aufmerksamkeit vermuten könnte. Im Vorjahr hatte eine totale Erschöpfung durch Stress im Job nur bei jedem 500. Mann und jeder 330. Frau zu einer Krankschreibung geführt. Das sei "kein Massenphänomen", heißt es in der DAK-Studie.

Welchen Einfluss hat die ständige Erreichbarkeit der Arbeitnehmer auf die Psyche?
Auch die Bedeutung dieses Phänomens wird laut DAK überschätzt. Nach einer repräsentativen Befragung unter Beschäftigten bekommt mehr als die Hälfte von ihnen nie einen dienstlichen Anruf außerhalb der Arbeitszeit. Rund 25 Prozent der Beschäftigten sind allerdings häufiger damit konfrontiert, was das Risiko einer psychischen Erkrankung deutlich erhöht. Von den acht Prozent der Mitarbeiter, die praktisch rund um die Uhr per Handy oder Mail erreichbar sind, leidet jeder vierte an einer Depression.

Welche Berufe sind besonders belastend?
Psychische Erkrankungen sind laut DAK-Report überdurchschnittlich häufig im Gesundheitswesen und im öffentlichen Dienst anzutreffen. Auf 100 Beschäftigte im Gesundheitswesen entfielen im Vorjahr 300 Fehltage. Im öffentlichen Dienst waren es knapp 270 Fehltage. Notare und Rechtsanwälte kamen dagegen nur auf 154 Fehltage. Der Durchschnitt über alle Branchen hinweg liegt bei knapp 204 Fehltagen.

Was bedeutet die Untersuchung für die Praxis?
DAK-Chef Rebscher hält eine Überprüfung der öffentlichen Versorgungsstruktur für erforderlich. Gebraucht werden mehr Psychotherapeuten. Zugleich müsse die Prävention bei psychischen Belastungen in den Betrieben gestärkt werden, sagte Rebscher.