Mit Saddams früherem Stellvertreter sind nun insgesamt vier Funktionäre des alten Regimes hingerichtet worden. Ein zweiter Prozess gegen sechs Ex-Regimegrößen läuft noch. Auch hier werden Todesurteile erwartet, unter anderem gegen Saddams Cousin Ali Hassan al-Madschid. In dem ersten Prozess ging es um die Hinrichtung von Schiiten, die zu einer Gruppe von Verschwörern gehört haben sollen, die 1982 Saddam ermorden wollten. Der zweite Prozess befasst sich mit dem grausamen Feldzug gegen die Kurden in den 80er-Jahren.
Doch selbst wenn noch weitere Verfahren folgen sollten: Eine wirklich Aufarbeitung der blutigen Vergangenheit des Saddam-Regimes findet im Irak auch im vierten Jahr nach der britisch-amerikanischen Invasion noch nicht statt. Das hat verschiedene Gründe: Erstens sind die Iraker heute zu sehr damit beschäftigt, sich in dem von neuer Gewalt bestimmten Alltag der Post-Saddam-Ära zurechtzufinden. Zweitens ist die Zahl derjenigen, die damals als Spitzel, Folterer und Parteifunktionäre Schuld auf sich geladen hatten, zu groß, um alle Schuldigen vor Gericht zu stellen. Und letztlich würde eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen von einst alte Wunden aufreißen, was zu noch mehr Gewalt und Rache führen könnte.
Im Irak gibt es auch Menschen, die meinen, Saddam sei wegen des Massakers in Dudschail hingerichtet worden, weil die Amerikaner nicht gewollt hätten, dass andere Verbrechen - etwa aus der Zeit des iranisch-irakischen Krieges - zur Sprache kommen. Denn damals war Saddam noch nicht Washingtons Feind, sondern ein Partner der USA im Kampf gegen den Export der iranischen Revolution.
Außer dem Sondertribunal für die Verbrechen des alten Regimes, das nach Einschätzung ausländischer Beobachter zu stark unter der Fuchtel der neuen Regierung des schiitischen Ministerpräsidenten Nuri al-Maliki steht, gibt es nur noch die Kommission zur "De-Baathifizierung", die sich um das Erbe des Saddam-Regimes kümmert. Dieses Gremium hat dafür gesorgt, dass frühere Mitglieder der Baath-Partei von Saddam Hussein aus führenden Positionen im Staat entfernt wurden. Dies hat vor allem bei den Sunniten, die unter dem sunnitischen Machthaber Saddam bei der Besetzung führender Positionen bevorzugt worden waren, für böses Blut gesorgt. Sie argumentieren, dass nicht jedes hochrangige Parteimitglied automatisch ein Verbrecher gewesen sei. Bei allen Diskussionen über eine Versöhnung zwischen Schiiten und Sunniten, zwischen der Regierung und dem so genannten Widerstand, tauch t deshalb immer die Forderung nach einem Ende der "De-Baathifizierung" auf.
"Die Hinrichtung von Taha Jassin Ramadan stellt das Ende einer dunklen Epoche der irakischen Geschichte dar. Jetzt kann eine neue Seite aufgeschlagen werden", erklärt Wafik al-Samarrai, der Sicherheitsberater des irakischen Staatspräsidenten Dschalal Talabani. Doch die verstümmelten Leichen, die von der Polizei täglich auf den Straßen von Bagdad aufgesammelt werden, sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen, dass die Iraker nach Jahrzehnten der Gewaltherrschaft heute nicht in der Lage sind, ihre internen Konflikte und Rivalitäten auf friedliche Art zu lösen. Saddam und seine einstigen Getreuen mögen zwar einer nach dem anderen am Galgen enden. Doch die Gewalt regiert im Irak immer noch.