Zahlreiche Autoren bitten um Segen für Angehörige und Freunde, andere schreiben Gebete und Fürbitten nieder, Kinder und Jugendliche zeichnen, was sie berührt und verzieren Worte wie "Mama, ich vermisse dich!" mit Herzen.
Anfangs, nach der Weihe des originalgetreu wiedererstandenen Gotteshauses Ende Oktober 2005, waren die Eintragungen vorwiegend auf Wiederaufbau, Versöhnung sowie Schönheit und Ästhetik des Gebäudes bezogen. Zu lesen ist vom "Dank für dieses großartige Wunder", vom "Wunderbauwerk" oder der Verwandlung "von der Ruine zum Rubin". Einer Ungarin ist es gar ein Halleluja im Graffiti-Stil wert - mit Herzen und Engelskopf verziert. "Versunken im Klang, schien die Zeit still zu stehen", schrieb ein Zuhörer nach Beethovens Missa solemnis.
Manchmal formen sich biografische Details zu Geschichten wie die eines Paares aus Hannover: "1945 geboren und in Dresden aufgewachsen, grenzt der Wiederaufbau der Frauenkirche an ein Wunder - wir empfinden es so." Ein Oberbayer dichtete im Sinne Gerhart Hauptmanns: "Wer das Staunen verlernt hat, gewinnt es beim Anblick der neu erstandenen Frauenkirche wieder". Und für einen Iren ist sie einfach "beautiful home for jesus".
Das Papier zwischen roten und blauen Pappdeckeln zeugt von den verschiedensten Motiven. "Für die einen ist es eine gute Zeit, in Stille einkehren zu können, für andere weitet sich der Horizont plötzlich und wieder andere nutzen die Seiten für Kritik", sagt Pfarrer Treutmann. "Es ist nicht möglich, alles nachzulesen." Es gebe aber Anlässe, wo er die Bücher beim Schreiben der Andachten oder Predigten heranziehe. Sie werden archiviert, gesammelt und chronologisch aufbewahrt.
"Jedes Buch liegt etwa drei Wochen, dann ist es voll." Mit der Zeit werden die Texte persönlicher, vertrauen sich die Menschen dem Papier an. Es häufen sich Friedenswünsche, Bitten um Gesundheit, Glück und Hilfe für andere Menschen, ganze Seiten sind aber auch nur mit Namen und Daten gefüllt. Dazwischen sammeln sich Sütterlin, Kinder-Gekrakel und Zeichnungen zwischen kyrillischen Buchstaben, asiatischen oder arabischen Schriftzeichen. Englisch, Spanisch, Deutsch, Französisch, Russisch - die ganze Welt scheint zwischen Pappdeckeln versammelt. Die Internationalität reicht von A wie Australien bis Z wie Zypern.
"Die Bücher geben ein breites Spektrum von Eindrücken wieder, die Menschen in der Frauenkirche haben", sagt der Pfarrer, der sich besonders über die Zeile "Schön, dass Du wieder da bist!" freut. "Da bleibt offen, wer gemeint ist - die Kirche, Gott oder ein Mensch, den man lange vermisst hatte." Das Buch liegt auf einem Ständer an dem aus Trümmern geborgenen Turmkreuz. "Man kann darin blättern und lesen." Und auch auf eine "Bitte um Zugang zu Gottes Weisheit in mir" stoßen. "Bei vielen ist die Hürde, sich einem Menschen anzuvertrauen, zu groß. In ein Buch zu schreiben, geht leichter", sagt Treutmann.
"Der Gottesbezug kommt manchmal unausdrücklich zur Sprache, bleibt sogar offen." In der Öffentlichkeit gebe es große Reserviertheit, von Gott zu reden. "In vielen Einträgen schwingt der Gottesbezug aber mit." So stellen die Bücher eine Art Gemeinde dar, eine Gemeinde auf Papier, die stetig wachse. "Das in ihnen gesammelte Denken lässt erkennen, dass die Frauenkirche auch ohne feste Gemeinde Impulse auslösen kann."

Zum Thema Akteure geehrt
 Für ihr "außergewöhnliches Engagement" beim Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche haben der Trompeter Ludwig Güttler, Baudirektor Eberhard Burger und Stiftungsrats-Vorsitzender Bernhard Walter das Bundesverdienstkreuz erhalten. Sie nahmen den höchsten Orden der Bundesrepublik gestern in Dresden entgegen, teilte die Staatskanzlei mit. Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) würdigte Güttlers visionäre Kraft und den unermüdlichen Einsatz von Burger und Walter, ohne die das "Jahrhundertprojekt" nicht zustande gekommen wäre. Die vom Bundespräsidenten verliehene Auszeichnung ehrt Menschen für Herausragendes in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft.