Da ist er, dieser Gänsehaut-Augenblick, den man einfach erwartet, wenn der WM-Pokal zu Gast ist. Allerdings ist nicht ARD-Reporter Tom Bartels dafür verantwortlich, wenn er während der Videoshow im DFB-Truck noch einmal laut das goldene Final-Tor von Mario Götze bejubelt. Es ist die Schliebener Vereinschefin Angela Unger, die zu Tränen rührt, wenn sie mit leisen Worten und stockender Stimme über einen anderen Fußballer spricht. Über Benjamin, den Kapitän der zweiten Schliebener Mannschaft. Vor etwa einem Jahr kam er bei einem Autounfall ums Leben.

Ein junger Mann, immer fröhlich, im Verein sehr aktiv - er wollte gerade eine Nachwuchsmannschaft übernehmen. Angela Unger schluckt schwer. Der Unfall war einer von drei Todesfällen im Verein innerhalb kurzer Zeit. Die gute Seele der Schwarz-Gelben gibt zu: "Das hätte uns beinahe umgehauen."

Dass der TSV nicht auseinanderbrach, sondern auch die jahrenlangen Streitigkeiten um das Vereinsgelände verkraftet hat, ist dem großen Zusammenhalt im Schliebener Land zu verdanken. Wolfgang Geister, TSV-Urgestein und ehemaliger Vorsitzender des Fußballkreises, ist erleichtert: "Schön, dass die Verantwortlichen die großen Probleme, die wir mit dem westdeutschen Eigentümer hatten, endlich ad acta legen konnten." Die ansässige Schliebener Agrar GmbH hat das Gelände an der Steigemühle inzwischen gekauft, der neue Pachtvertrag soll demnächst unterschrieben werden.

Dass nun sogar der WM-Pokal zu Gast ist, können sie in Schlieben kaum glauben. Die lange Warteschlange vor dem DFB-Truck ist aber trotz der brütenden Hitze bei 40 Grad Celsius keine Fata Morgana. Organisationsleiter Ralf Mahling ist überwältigt: "Der Verein stand vorm Aus, und jetzt erleben wir diesen Tag. Der Pokal steht tatsächlich hier. Mich muss mal irgendjemand kneifen, einfach irre."

Mit einem Bewerbungsvideo hatten die Schliebener den DFB überzeugt, bei der Ehrenrunde nach dem Triumph von Rio de Janeiro auch ins Elbe-Elster-Land zu kommen. Landrat Christian Heinrich-Jaschinski (CDU) befindet: "Damit kommt der Pokal an die Basis, hier sind seine Wurzeln." In Elbe-Elster sind mehr als 5000 Fußballer im Verein aktiv. "Alle fußballverrückt", sagt Angela Unger über die Menschen im Schliebener Land.

Klar, dass dann so viele den Pokal sehen wollen. Das Sicherheitspersonal macht beim Zutritt zum begehrtesten Pokal der Welt keine Zugeständnisse. Immer nur elf Fans dürfen nach einander in die heilige Halle, die aber eben nur ein schmaler Raum in einem 40-Tonner ist. Dort geht alles sehr schnell. Bundestrainer Jogi Löw fordert "högschde Disziplin", dann schießt erst Messi, danach trifft Götze, und ARD-Mann Bartels brüllt: "Ja, ja - und nochmals ja." Deutschland hat den vierten Stern und eine Tür öffnet sich. Vor der Vitrine mit dem Goldstück sortiert ein DFB-Verantwortlicher die Fans fürs Foto. "Einmal lächeln bitte, danke - und die Nächsten."

Irena Starick, die als Leiterin der Kita "Wichtelstübchen" aus Naundorf mit ihrer Kindergruppe gekommen ist, pustet durch: "Mensch, wenn man nicht richtig aufpasst, verpasst man glatt, den Pokal anzuschauen."

Für goldene Gänsehaut bleibt trotz der Klimaanlage im Truck also gar nicht viel Zeit. Trotzdem sind die Menschen bewegt. Sven Hoffmann und sein Sohn Leon sind aus Cottbus gekommen: "Wir haben 2014 so mitgefiebert. Jetzt den Pokal mal so nah funkeln zu sehen, ist einfach toll." Manuela Giesche aus Schlieben ist hin und weg: "Ich habe mich noch einmal genauso gefühlt wie vor einem Jahr beim Finale." Ihr Mann Steffen Giesche berichtet: "Damals war meine Frau diejenige, die am lautesten gejubelt hat."

In den Jubel über den Festtag mischen sich aber auch immer wieder leise Töne. Der Verein hat schwere Zeiten hinter sich, selbst beim Blick auf das Bewerbungsvideo werden die offenen Wunden deutlich. Dort taucht die 14 für das WM-Jahr 2014 auf. Das Trikot mit der Nummer 14 bleibt bei der zweiten TSV-Mannschaft allerdings für alle Zeiten im Schrank. Es gehörte jenem verunglückten Kapitän, der auf den goldenen Tag an der Steigemühle wohl wie alle anderen beim TSV mächtig stolz gewesen wäre.