Wenn das schwedische Unternehmen Vattenfall seine deutschen Aktivitäten jetzt verkaufen wolle, dann trage es auch eine doppelte Verantwortung. "Aus dem profitablen Geschäft der Vergangenheit erwächst auch die Verantwortung für den Erhalt der Arbeitsplätze und die Verantwortung für eine sichere und bezahlbare Energieversorgung in Deutschland. Die Fehlinvestitionen des Vattenfall Managements mit zweistelligen Milliardenverlusten in anderen Ländern dürften jedenfalls nicht auf dem Rücken der Arbeitnehmer und der deutschen Stromkunden abgeladen werden", erklärte Gabriel gegenüber der RUNDSCHAU.

Aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums ist es vor allem nötig, bei dem beabsichtigten Verkauf alle deutschen Vattenfall-Aktivitäten in einer Hand zu behalten: Die Wasserkraft und den Braunkohletagebau in Ostdeutschland ebenso wie die Stromerzeugung in Ost- und Westdeutschland. "Eine Zerschlagung dieses Verbunds", so Sigmar Gabriel, "würde die Sicherung der Beschäftigung und der Zukunftsfähigkeit der Unternehmensbestandteile ebenso gefährden wie überzogene Preisvorstellungen".

Da Vattenfall ein schwedischer Staatskonzern ist, wird der Sozialdemokrat Gabriel zu Gesprächen mit dem neuen sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Schwedens, Stefan Löfven, nach Stockholm reisen. "Ich bin mir sicher", so Sigmar Gabriel, "dass sich die schwedische Regierung und Stefan Löfven ihrer Verantwortung bewusst sind".

Der Wirtschaftsminister machte in diesem Zusammenhang zugleich deutlich, dass er die Kohleverstromung gerade für den erfolgreichen Verlauf der Energiewende für eine zentrale Voraussetzung hält: "Wir müssen endlich mal Schluss machen mit den Illusionen in der deutschen Energiepolitik. Man kann nicht zeitgleich aus der Atomenergie und der Kohleverstromung aussteigen. Wer das will, sorgt für explodierende Stromkosten, Versorgungsunsicherheit und die Abwanderung großer Teile der deutschen Industrie."

Als Vorsitzender der SPD sieht Gabriel gerade seine Partei in der Verantwortung, die Energiewende mit bezahlbaren Strompreisen und sicherer Stromversorgung für deutsche Wirtschaft zu verbinden. Dafür aber brauche man auf längere Sicht gerade auch die Kohle- und Gasverstromung als "Rückendeckung der Energiewende" für die Zeiten, in denen es nicht genug Wind- oder Solarstrom gebe. "Erneuerbare Energien und konventionelle Kraftwerke gegeneinander auszuspielen, ist einfach töricht. Denn wenn wir 2035 55 bis 60 Prozent erneuerbare Energien haben wollen, dann werden wir für den Rest die Kohle- und Gasverstromung brauchen" , erläuterte Gabriel.

Diese Position hält der Minister auch mit den deutschen Klimaschutzzielen für vereinbar: "Umweltministerin Barbara Hendricks hat Recht, wenn sie darauf hinweist, dass Schritt für Schritt auch Kohlekraftwerke vom Netz gehen werden. Denn wir haben im deutschen und europäischen Strommarkt enorme Überkapazitäten in der Stromerzeugung. Das wird auch dem Klimaschutz helfen. Ich bin allerdings sicher, dass die Frage welche Kraftwerke am Netz bleiben und welche stillgelegt werden, die Unternehmen entscheiden sollten und nicht der Staat."

Durch die Stilllegung deutscher Kohlekraftwerke würde in Europa nicht eine Tonne CO für den Klimaschutz eingespart, so der Wirtschaftsminister weiter, denn die freiwerdenden CO-Berechtigungen wanderten einfach zu einem anderen Kraftwerk, das dann entsprechend mehr Treibhausgase ausstoße. Deshalb sei der richtige Weg die Verknappung der Emissionszertifikate in Europa und die Wiederbelebung des Emissionshandels. Gabriel hatte diese Position schon eingenommen als er zwischen 2 005 und 2009 Umweltminister war.