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Gabriel und die Bosse

Berlin. Gerhard Schröder galt einst als „Genosse der Bosse“ - heute fremdeln Wirtschaft und SPD oft miteinander, die Bürger sehen mehr Kompetenz bei der Union. Ein neues Forum soll Vizekanzler Gabriel nun helfen, Gräben zu überwinden. Eindrücke vom interessanten Gründungstreffen. Georg Ismar

Sigmar Gabriel will eine neue Büste. Der SPD-Chef und Bundeswirtschaftsminister möchte sozusagen ausgleichen und in seinem Ministerium der Büste des Vaters der sozialen Marktwirtschaft, Ludwig Erhard (CDU), Gesellschaft verschaffen. Karl Schiller, 1966 bis 1972 erfolgreicher SPD-Wirtschaftsminister, dürfe nicht fehlen, sagt er.

Die Erhard-Büste hatte einst CSU-Minister Michael Glos aufgestellt, bald soll auch ein Abbild Schillers danebenstehen. Gabriel und die ganze SPD finden es zutiefst ungerecht, dass die Partei derzeit so schlecht bei der Wirtschaftskompetenz abschneidet. Der SPD-Chef will das in seiner Funktion als Bundeswirtschaftsminister ändern. Und bis hin zur Büsten-Symbolik daran erinnern, dass auch die SPD schon den einen oder anderen erfolgreichen Wirtschaftspolitiker hatte. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf einem neuen "Wandel durch Annäherung".

Gabriel bringt am Montagabend seinen ganzen Beraterstab mit in den holzgetäfelten Meistersaal nahe des Potsdamer Platzes in Berlin. Der langjährige TUI-Chef Michael Frenzel hat zum Gründungstreffen des Wirtschaftsforums der SPD geladen - es soll Kontakt- und Dialogbörse sein, um Vorbehalte zwischen Bossen und Genossen abzubauen. Kritische Unternehmer sollen die SPD nicht als Klassenfeind sehen. Wichtig sei eine Ordnungspolitik, die dem Marktversagen und der Maßlosigkeit im Finanzsektor begegne, die Monopole und Privilegien bekämpfe, sagt er.

"Wir haben oft aneinander vorbei geredet", meint Gabriel zu den Hunderten Unternehmern. Sichtlich stolz meint ein Vertreter aus der Gabriel-Entourage, wegen überraschend vieler Anmeldungen sei kurzfristig sogar ein größerer Saal angemietet worden. "Wir wollen in diesem Wirtschaftsforum neue Wege ausprobieren und nicht bloß alte Glaubenssätze wiederkäuen", betont Gabriel, der August Bebel wegen des Erfolges seines Buchs "Die Frau und der Sozialismus" als Vorbild eines Unternehmers preist. Stirnrunzeln bei so manchem Manager.

Mit den größten Beifall gibt es für Gabriels Kritik an der Angst besetzten Debatte um das Freihandelsabkommen mit den USA (TTIP). Gabriels Problem: Von der Bundestagsfraktion angefangen, gibt es heute kaum einem breiten Publikum bekannte SPD-Wirtschaftspolitiker, sein eigener Kurs wird von nicht wenigen Wirtschaftsvertretern als nicht immer stringent empfunden. Mit das größte wirtschaftspolitische Ansehen genießt derzeit Hamburgs SPD-Regierungschef Olaf Scholz.

Einige Unternehmer brauchen noch etwas Nachhilfe in Sachen Genossen. Da ist zum Beispiel ein Vertreter des Kupferherstellers Aurubis, der die unten vor der Tür stehende Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke, nicht erkennt. "Können Sie mir mal ein Taxi rufen?", fragt der Mann. Gleicke tut das umgehend, man kommt ins Gespräch. Als er von der Tätigkeit als Ostbeauftragte erfährt, fragt er: "Ach, das ist ja spannend. Sind Sie dann auch für Bulgarien zuständig?". Naja, so weit reicht dann der Aufgabenbereich doch nicht, meint Gleicke.

Visitenkärtchen werden ausgetauscht, Gabriel betont, ein Parteibuch sei zum Mitmachen in dem Forum keine Pflicht. "Sie sind hier einer modernen und reformerischen politischen Kraft verbunden. Es ist keine Schande, das auch laut zu sagen", mahnt er. Stichwort modern. Läuft es in der Gegenwart eher trüb, besinnt sich der Sozialdemokrat auf die erfolgreichere Vergangenheit. "Der in den 1970er Jahren geprägte Slogan "Wir schaffen das moderne Deutschland!" ist sehr aktuell", meint Gabriel mit Blick auf das Motto von Bundeskanzler Willy Brandt.

Doch gerade viele der 30- bis 50-Jährigen verbinden Modernität und eine solide Wirtschaftspolitik eher mit der Union. Gabriel läuft so langsam die Zeit davon, das Image zu drehen. Wenn er oder ein von ihm vorgeschickter Kanzlerkandidat nur rund 25 Prozent bei der nächsten Bundestagswahl 2017 holt, könnte Gabriel ein Karriereknick drohen.

Interessant ist an diesem Abend, wer so da ist. Zum Beispiel RWE-Chef Peter Terium und Eon-Vorstand Leonard Birnbaum, der engagiert mit Gabriels Wirtschafts-Staatssekretär Matthias Machnig diskutiert. Der Energieverband BDEW tritt als Sponsor auf. Für die Branche geht es um viel, sie stemmt sich gegen Gabriels geplante Klimaabgabe für über 20 Jahre alte Kohlekraftwerke. So scheint das Interesse der Manager an der SPD an diesem Abend auch etwas mit Lobbyismus zu tun zu haben.